Einführungsseminar in Seoul 2025

06.09.2025 – SAMSTAG

Greta schildert ihre Eindrücke aus dem zweiten offiziellen Programmtag des Einführungsseminars

(von Greta Sommer)

Im Rahmen der Einführungswoche des Deutsch-Koreanischen Juniorforums hatten wir die Ehre, gemeinsam mit der Hanns-Seidel-Stiftung, vertreten durch Dr. Seliger und zwei Kolleginnen, den Aegibong Peace Ecopark zu besuchen. Was zunächst wie ein Ausflug mit nordkoreanischem Politikbezug begann, entfaltete sich rasch zu einer gleichermaßen geopolitisch wie ornithologisch aufschlussreichen Erfahrung. Die Hanns-Seidel-Stiftung war so freundlich, diesen Besuch zu organisieren, und Dr. Seliger stellte uns großzügig seine Zeit zur Verfügung, um jede unserer Fragen zu Nordkorea und den damit verbundenen geopolitischen Themen geduldig und ausführlich zu beantworten.

Während der Busfahrt zum Aegibong Peace Ecopark stand zunächst überraschend die ökologische Relevanz der Grenzregion im Vordergrund. Dr. Seliger und seine Kolleginnen erklärten, dass durch den intensiven Einsatz von Pestiziden und landwirtschaftlichen Praktiken in Südkorea viele Vogelarten stark zurückgegangen sind, während diese Populationen in Nordkorea noch existieren. Aus diesem Grund wurde eine Initiative ins Leben gerufen, in deren Rahmen Süd- und Nordkorea im Bereich des Vogelschutzes zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit hat es den beiden Staaten, deren Verhältnis äußerst angespannt ist, ermöglicht, auf neutralem Boden miteinander in Kontakt zu bleiben. Besonders betonte Dr. Seliger die Notwendigkeit, Feuchtgebiete und Sumpfregionen stärker zu schützen, da sie Rückzugsräume für bedrohte Arten darstellen. Ohne diese Lebensräume und die dort vorkommenden Vogelarten wäre auch die friedvolle Kooperation von Süd- und Nordkorea in diesem Bereich kaum möglich.

Ein weiterer Schwerpunkt des Ausflugs war die historische und politische Dimension des Gebietes. Die Ausführungen von Dr. Seliger behandelten auch sensible Themen wie die Schwierigkeiten, nordkoreanische Geflüchtete in Südkorea zu integrieren, das tief verankerte Misstrauen in der Gesellschaft sowie die geringe Bereitschaft vieler Südkoreaner*innen, eine Wiedervereinigung aktiv anzustreben. Zudem erläuterte er die Vorteile, die die nordkoreanische Regierung durch die Entsendung von Soldaten und Artillerie nach Russland im Kontext des Ukraine-Krieges erlangt hat.

Am eindrücklichsten war an diesem Ausflug wohl die Verbindung von Natur, Geschichte und Politik. Einerseits vermittelte der Blick nach Nordkorea einen sehr konkreten Eindruck der Teilung, andererseits entstand das Gefühl, dass ökologische Zusammenarbeit weiterhin eine kleine Brücke über politische Gegensätze hinweg bilden könnte. Gleichzeitig war es ein seltsames Erlebnis, nach Nordkorea hinüberzuschauen – auf ein Schaufensterhaus, das beinahe wie eine Kulisse wirkte. Man fühlte sich dabei ein wenig, als stünde man in einem Zoo und betrachte etwas aus der Ferne.

Auch für meine Arbeitsgruppe im Bereich Demokratie und Polarisierung war der Ausflug in den Aegibong Peace Ecopark äußerst aufschlussreich. Erstens wurde deutlich, wie sich politische Spaltungen nicht nur in Institutionen, sondern auch im Alltag und in der Wahrnehmung der Bevölkerung widerspiegeln. Zweitens zeigte das Beispiel Aegibong, dass gemeinsame Anliegen wie Umwelt- und Naturschutz weniger polarisierende Themen darstellen können, die Kooperation zwischen zerstrittenen Parteien ermöglichen und zum Abbau von Feindbildern beitragen.

Zusammengefasst war der Besuch des Aegibong Peace Ecoparks weit mehr als ein Ausflug – er war eine eindrückliche Erfahrung, die Natur, Geschichte und Politik miteinander verband und deutlich machte, wie eng Fragen von Demokratie, Polarisierung und gesellschaftlicher Resilienz miteinander verwoben sind.

07.09.2025 – SONNTAG

Bianca schildert ihre Eindrücke aus dem dritten offiziellen Programmtag des Einführungsseminars

(von Bianca Robok)

Am Sonntag, den 7. September 2025, besuchte unsere Gruppe im Rahmen des Deutsch-Koreanischen Juniorforums die Theatergruppe Studio Nanadashii in Seoul. Vor dem Gespräch mir der Theatermacherin und Regisseurin Seung-Eun Choi hatten wir die Gelegenheit, eine kurze Performance ihres Ensembles vor dem Lush Store im Stadtteil Seongsu zu sehen. Das Stück verband Bewegung, Klang und alltägliche Umgebung und verdeutlichte bereits im Ansatz, wie Choi Theater als offenes Zusammenspiel von Kunst und Öffentlichkeit versteht.

Im anschließenden Gespräch stand weniger die Aufführung selbst als vielmehr Chois künstlerisches Selbstverständnis im Mittelpunkt. Sie erläuterte, dass Theater, für die ein kollektiver und fortlaufender Prozess sei, in dem gesellschaftliche Themen nicht nur dargestellt, sondern gemeinsam mit den Beteiligten verhandelt werden. Das Studio Nanadashii arbeitet bewusst interdisziplinär und hierarchiefrei. SchauspielerInnen, MusikerInnen und bildende KünstlerInnen entwickeln gemeinsam die Inszenierungen. Diese Arbeitsweise ermögliche, so Choi, ein „Theater auf Augenhöhe“, dass Vielfalt nicht nur thematisch, sondern auch strukturell abbildet. Ein zentrales Thema des Gesprächs war die Verbindung von Kunst, Identität und gesellschaftlicher Verantwortung. Choi sprach offen über ihren eignen Werdegang, der von Erfahrungen in Deutschland und Korea geprägt ist. Diese biografische Mehrfachverortung beeinflusst ihren Blick auf Fragen von Zugehörigkeit, Migration und kulturellem „Dazwischen-Sein“. Theater versteht sie in diesem Kontext als sozialen Raum, in dem Differenz sichtbar gemacht und Empathie erprobt werden kann. Besonders eindrücklich war ihre Reflexion über die „Covid-Generation“ junger Kinder, die Theater nur mit Masken erlebt haben.

Choi betonte mehrfach, dass „nichts natürlich“ sei. Eine Haltung, die ihre künstlerische Arbeit prägt und aufzeigt, dass jede gesellschaftliche Ordnung und jedes Rollenbild konstruiert ist. Theater kann nach ihrer Auffassung dazu beitragen, diese Konstruktionen bewusst zu machen. In diesem Sinne begreift sie ihre Arbeit als Spiegel, aber auch als Labor gesellschaftlicher Entwicklungen. Choi vermittelte eine große Ernsthaftigkeit in Bezug auf ihre künstlerische Verantwortung und eine bemerkenswerte Sensibilität für kollektive Prozesse. Ihr Ansatz machte deutlich, dass Kunst in Korea, besonders in unabhängigen Theaterformen, häufig als sozialer Prozess verstanden wird. Dieser setzt die Menschen miteinander in Beziehung, statt sie nur zu unterhalten.

Im Kontext des Juniorforums bot das Gespräch einen wertvollen Einblick in die Rolle von Kunst als Medium gesellschaftlicher Transformation. Es verdeutlichte, wie kreative Praxis dazu beitragen kann, Fragen nach Identität, Gemeinschaft und Wandel auf neue Weise zu stellen. Für uns zeigte sich darin exemplarisch, wie in der koreanischen Gesellschaft Kunst und soziale Reflexion eng miteinander verbunden sind und wie Theater als Ort des Dialogs eine Brücke zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Verantwortungen schlagen kann.

Besuch des Aegibong

Gespräch mit Studio Nanadashii