Einführungsseminar in Seoul 2025
08.09.2025 – MONTAG
Aurelia, Isaak und Verena schildern ihre Eindrücke aus dem vierten offiziellen Programmtag des Einführungsseminars
(von Treeske-Aurelia Schlosser)
Im Rahmen eines Programms der Heinrich-Böll-Stiftung fand am Montag, dem 8. September, im Museum of Korean Democracy der Korea-Germany Youth Dialogue statt. Dabei setzten sich die deutsche Delegation und 15 freiwillige koreanische Teilnehmer mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen auseinander. Ziel dieses Dialogs war es, in internationalen Kleingruppen zentrale Herausforderungen beider Länder zu analysieren und gemeinsam Lösungsansätze zu erarbeiten.
Im Mittelpunkt standen folgende Leitfragen:
- Wie zeigt sich der Gender Divide bei jüngsten Wahlen?
- Inwiefern beeinflusst Jobunsicherheit die Unterstützung für rechtspopulistische Parteien?
- Wie nutzen rechte Bewegungen migrationskritische Diskurse zur Stärkung nationalistischer Narrative?
- Und: Wie lässt sich der Einfluss von Echokammern auf digitalen Plattformen überwinden, um die Demokratie zu stärken?
Der Dialog war in mehrere Phasen gegliedert. Nach einer kurzen Begrüßung und einer Aufwärmphase wurden erste thematische Impulse aus deutscher und koreanischer Perspektive gegeben. Anschließend startete die sogenannte World-Café-Phase, in der die Teilnehmenden in vier Kleingruppen aufgeteilt wurden – jede Gruppe widmete sich einem der vier Hauptthemen. Zu Beginn jeder Runde präsentierten jeweils ein koreanischer und ein deutscher Teilnehmer ein kurzes Briefing zur Situation in ihrem Land. Darauf aufbauend diskutierten die Gruppen ihre jeweiligen Perspektiven und entwickelten erste Ideen zu möglichen Lösungen. Die Veranstaltungen des Einführungsseminare hatten bereits zuvor wichtige Impulse gegeben und zur Weiterentwicklung vieler Ideen beigetragen. Vor allem Vorträge, wie der von LÄUFT, halfen dabei Verbesserungsvorschläge zu entwickeln. Nach 20 Minuten wechselten die Teilnehmenden rotierend die Tische, sodass jede Person im Laufe des Vormittags zu allen Themen etwas lernen und beitragen konnte. Diese Rotation ermöglichte einen vielseitigen Austausch. Im Anschluss kehrten alle Teilnehmer an den Thementisch zurück, den sie persönlich am meisten interessierte. Dort wurden die bisherigen Diskussionen zusammengetragen und erste Vorschläge für Maßnahmen ausgearbeitet.
Insgesamt war der Workshop sehr gelungen. Durch den Austausch und die kreative Gruppenarbeit entstand eine offene und kooperative Atmosphäre, die zu einem produktiven Dialog beitrug. Vor allem auch half das Kennlernspiel am Anfang dabei, eine wohlfühlende Stimmung zu schaffen, was später das Zusammenarbeiten und das Sammeln von Ideen vereinfachte. Die Teilnehmenden konnten nicht nur neue Perspektiven kennenlernen, sondern auch ein tieferes Verständnis für die gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland und Südkorea gewinnen. Da jedoch mehr deutsche als koreanische Teilnehmende vertreten waren, fehlte in einigen Kleingruppen die koreanische Perspektive. Dadurch wurden die Herausforderungen in Südkorea teils ausschließlich aus deutscher Sicht beschrieben, während die deutschen Herausforderungen auch ebenfalls nur von den deutschen Teilnehmenden eingeordnet worden konnten. Eine gleichmäßige Teilnahme beider Länder könnte in Zukunft für mehr Perspektiven und Ideen sorgen.
Nach einem intensiven und gedankenreichen Vormittag beim „Korea-Germany Youth Dialogue“ im Museum of Korean Democracy war der sechste Tag unseres Einführungsseminars noch lange nicht vorbei. Voller neuer Eindrücke stiegen wir in die Metro, fuhren bis zur Station Anguk und fanden uns nach einem kurzen Spaziergang vor einem ebenso imposanten wie geschichtsträchtigen Gebäude wieder: dem Verfassungsgericht der Republik Korea. Der Kontrast zwischen der morgendlichen Diskussion über die Herausforderungen der Demokratie und dem Ort, an dem ihre Grundpfeiler verteidigt werden, hätte kaum größer sein können.
Unser Gesprächspartner für den Nachmittag war Herr Chung-Hwa Bae, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Gerichts, der uns mit einer besonderen deutsch-koreanischen Perspektive empfing. Herr Bae, der an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert hat, bot uns einen faszinierenden Einblick in die Funktionsweise und die Seele des Gerichts. In einem offenen und herzlichen Gespräch verglich er das koreanische System mit dem deutschen. Wir lernten, dass die Aufgaben beider Verfassungsgerichte – der Schutz der Verfassung und der Grundrechte – sehr ähnlich sind, es aber spannende Unterschiede im Detail gibt. So kann in Deutschland ein Gesetz auch ohne konkreten Anlass auf seine Verfassungsmäßigkeit geprüft werden (abstrakte Normenkontrolle), während in Korea immer ein konkreter Fall vorliegen muss.
Ein besonders aufschlussreicher Punkt war Herr Baes Beobachtung zur Medienberichterstattung. Während in Deutschland die Urteilsbegründungen des Bundesverfassungsgerichts oft detailliert analysiert und öffentlich diskutiert werden, beschränke sich die Berichterstattung in Korea häufig auf das reine Ergebnis – verfassungswidrig, ja oder nein. Er betonte, wie entscheidend das Verständnis für die richterliche Argumentation für das Vertrauen der Bürger in den Rechtsstaat ist. In einer Zeit, in der politische Meinungen schnell polarisieren, sei diese Transparenz ein wichtiger Schutzmechanismus der Demokratie.
Die anschließende Führung durch das Gerichtsgebäude machte die abstrakten Diskussionen greifbar. Das Highlight war ohne Zweifel der Große Plenarsaal (대심판정). In diesem Raum mit seiner traditionell inspirierten Architektur werden historische Entscheidungen getroffen – so auch das jüngste Amtsenthebungsverfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Yoon im Frühjahr 2025. Vor den neun Richterstühlen zu stehen, die alle mit moderner Technik ausgestattet sind, war ein Moment, der uns die Tragweite der hier verhandelten Fälle eindrücklich vor Augen führte. Ein kunstvolles Werk an der Rückwand, die „Treppe des Lichts“, symbolisiert dabei die Hoffnung, dass durch die Urteile des Gerichts Frieden und die Rechte der Bürger wachsen mögen.
Für eine willkommene Auflockerung und große Begeisterung sorgte die Möglichkeit, selbst einmal in die Rolle der Verfassungsrichter zu schlüpfen. Wir durften die Roben anprobieren und für Fotos posieren – ein unbeschwerter Moment, der die sonst so formelle Justiz nahbarer wirken ließ und sicher für einige der besten Erinnerungsfotos des Seminars sorgte.
Ein besonderer Ausblick eröffnete sich uns anschließend vom kleinen Park auf dem Dach des Gebäudes. Von hier oben vereinten sich die vielen Facetten Seouls: auf der einen Seite das historische Bukchon Hanok Village, auf der anderen die modernen Bürokomplexe von Gwanghwamun. Zu sehen war von dort auch die über 600 Jahre alte weiße Kiefer „Jaedong Baeksong“ (재동 백송), ein Naturdenkmal, um das sich ein Mythos rankt: Je weißer der Baum wird, desto glücklichere Zeiten stehen Korea bevor.
Den Abschluss unserer Führung bildete ein Besuch in der öffentlich zugänglichen Bibliothek, die mit der größten Sammlung für öffentliches Recht in Korea beeindruckt, sowie in der interaktiven Ausstellung des Gerichts, die uns mit Elementen wie einer Stamp-Tour und Foto-Zone die Geschichte und Arbeit des Verfassungsgerichts auf spielerische Weise näherbrachte.
Der Besuch beim Verfassungsgericht war somit ein besonders eindrucksvoller Programmpunkt. Er war eine lebendige Lektion über die koreanische Demokratie, ihre Stärken und die stetige Aufgabe, ihre Werte zu verteidigen. Die Parallelen in der Verfassungsgeschichte beider Länder waren spannend zu entdecken und boten uns reichlich Anknüpfungspunkte für die Diskussionen im Juniorforum. Wir verließen das Gericht an diesem Nachmittag nicht nur mit vielen neuen Informationen, sondern auch mit einem tieferen Verständnis für das Land, seine Menschen und seinen unermüdlichen Weg zur Demokratie.
Am 8. September hatten die deutschen Teilnehmenden des 13. Deutsch-Koreanischen Juniorforums die Gelegenheit, mit dem Architekten Daniel Tändler ins Gespräch zu kommen. Unter dem Titel „Architekten zwischen Kulturen. Tradition, Moderne und persönliche Wege“ berichtete er von seinem Werdegang sowie von seiner beruflichen Arbeit mit koreanischer Architektur, insbesondere den traditionellen Häusern, den Hanoks.
Persönlicher Hintergrund
Daniel Tändler wuchs in einer niedersächsischen Kleinstadt auf. Er ist Jahrgang 1980 und Halbkoreaner – seine Mutter stammt aus Korea. Nach dem Zivildienst erlernte er an der Yonsei-Universität die koreanische Sprache. Zunächst studierte er Volkswirtschaftslehre in Deutschland und absolvierte ein Praktikum beim Samsung Economic Research Institute in Seoul. Die dortige Großraumbüro-Kultur sagte ihm jedoch nicht zu, sodass er sich neu orientierte. Während dieses Aufenthalts entdeckte er allerdings sein Interesse für Hanoks, über die es Anfang der 2000er Jahre kaum Literatur gab – weder auf Deutsch noch auf Englisch.
Auf Empfehlung begann er ein Architekturstudium an der RWTH Aachen bei Professor Manfred Speidel, einem Experten für asiatische Architektur. Praktika in Korea führten ihn schließlich zu einem Architekturbüro für zeitgenössische Hanoks, wo er nach seinem Diplom zunächst arbeitete.
Gründung seines eigenen Büros
Nach vier Jahren in diesem Architektenbüro entschloss sich Tändler, gemeinsam mit einer Kollegin ein eigenes Büro in Seoul (Euljiro) zu eröffnen. Das Büro trägt den Namen urban detail und hat seinen Schwerpunkt auf Projekten rund um die traditionelle koreanische Architektur. Ein erster Artikel über Hanoks brachte Kontakte und Projekte, durch Blogbeiträge und Medienberichte entwickelte sich das Büro weiter. Heute ist es etabliert, und spezialisiert auf private Wohnprojekte.
Architektur zwischen Tradition und Moderne
Tändler betonte die Unterschiede zwischen deutscher und koreanischer Tradition, in Deutschland ist traditionelle Baukunst fast ausschließlich historisch, sie wird in erster Linie bewahrt, nicht neu gebaut. In Korea hingegen gibt es auch heute noch lebendige Traditionen, wenngleich Hanoks doppelt so teuer wie moderne Bauweisen sind. Staatliche Zuschüsse ermöglichen es aber auch der Mittelschicht, solche Häuser zu bauen.
Die Frage der Nachhaltigkeit sei ambivalent: Hanoks seien langlebiger und ökologischer als kurzlebige Apartmentbauten, vorallem deren Bau und Entstand Haltung aber kostenintensiv. Durch den demographischen Wandel entstehen zusätzliche Herausforderungen, da viele Gebäude auf dem Land leerstehen.
Herausforderungen und Chancen
Tändler sprach auch über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Architektur und des Hanokbaus in Korea. Vetternwirtschaft und Korruption prägen den Bausektor in Korea, wie Beispiele wie ein tragischer Gebäudeeinsturz in Gwangju zeigen.
Der Denkmalschutz unterscheidet sich stark von Deutschland: Während hier viele Wohnhäuser geschützt sind, konzentriert sich Korea vor allem auf Paläste und Tempel. Hanoks werden oft eher abgerissen als saniert.
Chancen sieht Tändler in der Neuinterpretation traditioneller Formen, wie etwa in Seoul, wo moderne Außenarchitektur mit traditionellen Materialien im Inneren kombiniert wird.
Ausblick
Hanoks werden nach Einschätzung Tändlers nie Standard in Korea sein, aber als Nischenarchitektur weiterbestehen. Internationale Projekte, etwa auf der Frankfurter Buchmesse, zeigen die Faszination, stoßen jedoch an bürokratische und praktische Grenzen. Für ihn persönlich bleibt das Arbeiten mit Hanoks eine erfüllende Aufgabe – Ruhestand kann er sich nicht vorstellen.
Zum Abschluss zeichnete er für die Teilnehmenden den Aufbau eines Hanok-Daches und verdeutlichte so die besondere Bauweise dieser traditionellen Häuser.











Korea-Germany Youth Dialog mit der Heinrich-Böll-Stiftung












Besuch des Verfassungsgerichts der Republik Korea








Gespräch mit dem Hanok-Architekten Daniel Tändler

