Einführungsseminar in Seoul 2025
09.09.2025 – DIENSTAG
Anna und Annika schildern ihre Eindrücke aus dem fünften offiziellen Programmtag des Einführungsseminars
Am Dienstag, den 9. September, und damit dem siebten Tag des Einführungsseminars haben wir – die deutsche Delegation des Juniorforums – uns morgens auf den Weg zur Nationalversammlung der Republik Korea gemacht. Während unseres Besuchs fand gleichzeitig eine Plenarsitzung statt, weshalb wir zwar leider keine Führung durch die Nationalversammlung erhalten konnten, dafür aber für ca. zehn Minuten bei der stattfindenden Sitzung zuhören durften. Wir konnten daher kurzzeitig dem Vorsitzenden der Demokratischen Partei (DP), Jung Chung-rae, zuhören und bekamen einen Eindruck davon, wie solche Sitzungen ablaufen, wie die Atmosphäre währenddessen ist, und konnten feststellen, dass es durchaus Ähnlichkeiten mit einem Besuch einer Plenarsitzung im Deutschen Bundestag aufweist.
Anschließend begaben wir uns in einen der Ausschussräume des Parlaments. Dort trafen wir auf Frau Miae Choo, eine Abgeordnete der südkoreanischen Nationalversammlung und Vorsitzende der Koreanisch-Deutschen Parlamentariergruppe. Frau Choo hat eine beeindruckende politische Karriere vorzuweisen. Zwischen Januar 2020 und Januar 2021 war sie Justizministerin, zwischen August 2016 und August 2018 Vorsitzende der DP und derzeit befindet sich bereits in ihrer sechsten Amtszeit als Abgeordnete der Nationalversammlung. Zunächst erklärte Frau Choo uns das Einkammersystem der Nationalversammlung und die besondere Funktion eines Ausschusses, wo Gesetze nochmals geprüft werden und es somit trotz des Einkammersystems zwei Prüfstellen für neue Gesetze etc. gibt.
Wir durften Fragen an sie stellen und sie erklärte uns, wie das Wahlrechtssystem und Regierungssystem in Südkorea funktionieren, welchen Frauenanteil es derzeit im Parlament gibt und welche Themen derzeit besonders viel in den Sitzungen besprochen werden. Natürlich sprachen wir auch über die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 2024 durch den ehemaligen Präsidenten Yoon Suk-yeol, die Wahrnehmung der Geschehnisse durch die Bevölkerung und inwiefern dies Erinnerungen an das Gwangju-Massaker und die Ausrufung des letzten Kriegsrechts vor 40 Jahren hervorrief. Dabei sprach sie auch über den deutschen Kameramann Jürgen Hinzpeter, welcher maßgeblich dazu beitrug, dass die Welt aber auch Südkorea selbst erfuhr, was in Gwangju im Mai 1980 vor sich ging.
Ein Thema, welches Frau Choo spürbar wichtig ist, betrifft die Aufarbeitung der Geschichte der Trostfrauen. Beispielsweise war sie auch letztes Jahr als Delegation der DP in Berlin und hat dort auch die Statue „Ari“ besucht – eine Friedensstatue in Berlin, welche zur Erinnerung an die Opfer der sexuellen Gewalt durch Japan im Zweiten Weltkrieg seit September 2020 in Berlin ein Zuhause gefunden hat.
Die Möglichkeit, bei einer Plenarsitzung dabei sein zu dürfen und ebenso ein Gespräch mit einer Abgeordneten der Nationalversammlung zu führen, war einzigartig und sehr spannend. Zudem ermöglichte es auch ein besseres Verständnis für die koreanische Politik, welche Themen derzeit besprochen werden, und gab uns gute Denkanstöße für das wenige Tage später stattfindende Juniorforum.
(von Annika Oligschläger)
Nach dem Mittagessen am Dienstag sind wir zum Goethe-Institut Seoul aufgebrochen. Das Haus selbst hat schon Tradition, es wurde 1978 eröffnet und beim Betreten haben wir gleich gemerkt, was einer der Aufgaben des Instituts ist, denn in einem Nebenraum lief gerade eine Deutschprüfung, und wir mussten uns etwas leiser reinschleichen. Dr. Clemens Treter, der Leiter des Instituts, hat uns begrüßt und gleich betont, dass das Goethe-Institut nicht nur Sprachkurse anbietet, sondern auch als Brückenbauer zwischen Deutschland und Korea wirkt. Es schafft Raum für authentische Begegnungen und Austausch über reale Themen, welche weit über einen einfachen Kulturkonsum hinaus gehen. Ein Beispiel dafür war ein gemeinsames Theaterprojekt („Walls“), bei dem deutsche und koreanische Autor:innen ein Stück entwickelten und aufführten. Danach ging es politisch weiter: Jörn Beißer und David Bieger von der Deutschen Botschaft sprachen über die Chancen und Hürden einer „resilienten Partnerschaft“ zwischen Deutschland und Korea. Offiziell gibt es keine strategische Partnerschaft, aber beide Länder teilen zentrale Werte: Demokratie, Multilateralismus und die Vorstellung von Sicherheit als globalem Gut. Ähnliche Wirtschafts- und Industrieinteressen aber auch Klimaschutz wurden als mögliche gemeinsame Handlungsfelder genannt. Dadurch dass unsere beiden Länder in manchen Aspekten unterschiedlich weit vorangeschritten sind, besteht hier viel Potential auch voneinander ,,zu lernen‘‘.
Einen praxisnahen Einblick brachte Felix Kalinowsky von der Deutschen Auslandshandelskammer. Er machte klar, wie eng gerade die wirtschaftlichen Beziehungen schon sind: vom Maschinenbau über Halbleiter bis zur Medizintechnik. Gleichzeitig eröffnen Start-up-Szenen und die „K-Wave“ (von K-Pop bis K-Drama) neue Chancen. Besonders hängen bleibt: Korea investiert 4 % seines BIP in Forschung, ein immenses Potenzial für Innovation.
Zum Schluss stellte Frederic Spohr, Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul die Frage, was Bildung im Jahr 2035 eigentlich leisten soll. Seine These: Wissen allein reicht nicht mehr, kritisches Denken und psychische wie körperliche Gesundheit müssen stärker in den Fokus gerückt werden. Gerade im Vergleich von Deutschland und Korea war spannend zu hören, dass beide Länder mit Überakademisierung und mentaler Belastung kämpfen, wenn auch auf unterschiedliche Weise. In Zukunft könnte KI beispielsweise maßgeschneiderte Lerninhalte bereitstellen und damit das Problem der Abhängigkeit der Bildungsqualität vom Einkommen der Eltern in Korea angehen, aber gefährdet sie damit das kritische Denken junger Menschen?
In der anschließenden Gruppenarbeit haben wir uns an genau solchen Fragen ausprobiert:
- Wie können Sprachprogramme oder Kulturevents so gestaltet werden, dass echte Begegnung entsteht?
- Wie könnte eine deutsch-koreanische Kooperation in Wirtschaft und Politik aussehen, ohne dass man sich nur auf schöne Schlagworte beschränkt?
- Welche Rolle sollte Bildung in einer KI-geprägten Zukunft spielen und wie können wir verhindern, dass Kinder zwar alles „wissen“, aber kaum noch kritisch hinterfragen?
Am Ende wurde klar: Deutschland und Korea haben zwar unterschiedliche Stärken und Probleme, aber genau das macht den Austausch so wertvoll. Ob es um Musik, Technologie oder Bildung geht, beide Länder können voneinander lernen, wenn sie die Begegnung bewusst gestalten. Für uns war der Nachmittag jedenfalls ein intensiver Impulsgeber: nicht nur über 2035 nachzudenken, sondern auch über die ganz konkrete Gegenwart.
10.09.2025 – MITTWOCH
Kinam berichtet von seinen Eindrücken zu dem Kulturprogramm zum Auftakt des Juniorforums
(Kinam Kramer)
Am Mittwoch, den 10. September 2025, begann nach dem vielseitigen Einführungsseminar das offizielle Programm des 23. Deutsch-Koreanischen Forums. Das Forum startete mit einem Kulturprogramm, das tiefe Einblicke in die koreanische Geschichte und buddhistische Traditionen bot. Außerdem war es das erste gemeinsame Treffen aller Teilnehmenden des Juniorforums sowie das erste Zusammentreffen mit dem Seniorforum. Nach der Ankunft der deutschen und koreanischen Teilnehmenden im Hotel hatten wir Gelegenheit, uns bei einem gemeinsamen Mittagessen zu stärken und in lockerer Atmosphäre auszutauschen, bevor wir uns auf dem Weg zum Kulturprogramm machten.
Besuch im Jingwansa-Tempel
Der Tag begann mit einer Führung durch den Jingwansa-Tempel am nördlichen Stadtrand von Seoul. Der Tempel existiert seit dem 7. Jahrhundert während der Silla-Dynastie und spielt seitdem eine wichtige Rolle für die koreanische Kultur. Besonders eindrucksvoll wurde uns während der Führung gezeigt, wo ein Mönch zur Zeit der japanischen Besatzung erstmals die koreanische Nationalflagge – so wie wir sie heute kennen – über eine japanische Flagge skizzierte, was die Bedeutung des Tempels im Widerstand deutlich machte.
Neben den historischen Fakten konnten wir auch hautnah die buddhistische Kultur durch Gebete und Zeremonien erleben. Wir betraten gemeinsam eine Tempelhalle des Jingwansa-Komplexes und nahmen an einem traditionellen Gebet teil. Während des Gebets erfüllte eine tiefe Ruhe den Raum, die es uns erlaubte, uns ganz auf das Ritual zu fokussieren. Anschließend erlebten wir das zu dieser Zeit traditionell durchgeführte Ullambana-Ritual (백중기도), das den Verstorbenen gewidmet ist und von einem traditionellen Tanz begleitet wurde. Zum Abschluss dieses Teils wurde von einer Mönchin Chukwon (축원) gesungen – ein Segensgebet, das allen Anwesenden Glück und Wohlbefinden wünschte. Die klare, reine Stimme der Mönchin in Kombination mit der kraftvollen Melodie erfüllte den Raum und erzeugte ein Gefühl von Gelassenheit und Verbundenheit.
Teezeremonie
Danach nahmen wir an einer Teezeremonie teil, bei der Omija-Tee (오미자차, „Tee der fünf Geschmäcker“) serviert wurde. Während wir den Tee und kleine Snacks genossen, richteten Vertreter des Seniorforums erste Begrüßungsworte an alle Anwesenden. Außerdem knoteten die Mönche jedem von uns persönlich ein Segensarmband um das Handgelenk. Dieses soll Glück bringen und sich lösen, sobald unsere persönlichen Ziele und Wünsche erfüllt sind.
Abendessen
Abgerundet wurde der Tag nach einem kurzen Transfer mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Samcheonggak (삼청각). Vor Beginn des Abendessens wurden einleitende Reden für das Forum gehalten und ein Streicherquartett führte zwei Musikstücke auf. Besonders dabei war, dass alle vier koreanischen Musiker in Deutschland studiert haben, was der Aufführung eine besondere Verbindung zwischen den beiden Ländern verlieh. In ausgelassener Atmosphäre konnten wir uns daraufhin mit unseren Tischnachbarn austauschen, erste Diskussionen führen und dabei ein traditionell koreanisches 10-Gänge-Menü genießen.
Fazit
Nach einem langen und aufregenden Programm ging der erste Tag des Forums langsam zu Ende. Gemeinsam kehrten wir ins Hotel zurück, wo wir uns erholen und auf die kommenden Tage vorbereiteten. Die vielfältigen Eindrücke von Geschichte, Kultur und Religion, die wir heute erleben durften, machten den Tag für mich persönlich zu einem idealen Auftakt, um die kommenden Dialoge und Arbeit im Forum mit offenem Blick und neugierigem Geist zu beginnen.









Besuch in der Nationalversammlung




































Kulturprogramm & Welcome-Dinner mit Seniorforum
