AG KI und Bildung in Deutschland und Südkorea

(Workshopleiter und Text: Ben van Treek)

Bildungspolitik und das System Schule stehen immer unter dem Druck, junge Menschen auszubilden, um in Zukunft mit bereits bekannten Herausforderungen umzugehen und gleichzeitig Menschen zu befähigen Probleme in Zukunft zu lösen die im Zeitraum der

Ausbildung noch gar nicht existieren. Deutschlands und Südkoreas Bildungssysteme stellen sich dieser Aufgabe, aber auf unterschiedliche Weise. Mit der Frage nach der Nutzung von KI im Bildungssystem, müssen sich beide Nationen aber einer neuen grundlegenden Herausforderung stellen: Wie kann KI sinnvoll in Unterricht und Lehre integriert werden ohne grundlegende Fähigkeiten von Schüler*Innen, wie etwa das Schreiben von eigenen Texten, das Zusammenfassen von Sachinformationen oder das selbstständige Entwickeln von Rechenwege zu gefährden? Genau mit diesem Spannungsfeld hat sich die „Bildungs“-Gruppe auf dem AI-Workshop des Netzwerks junge Generation Deutschland Korea auseinandergesetzt.

Die Ausgangslage in beiden Ländern unterscheidet sich erheblich: Deutschland kämpft als Einwanderungsland mit einem massiven Lehrkräftemangel, während in Südkorea aufgrund des demografischen Wandels Schulen geschlossen werden. Auch die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien wie PISA verdeutlichen Unterschiede: Deutschland lag 2022 in Lesen und Rechnen nur knapp über dem OECD-Durchschnitt, Südkorea hingegen weiterhin in der Spitzengruppe. Gleichzeitig steht die südkoreanische Bildungsgesellschaft in der Kritik, weil sie diese Spitzenplätze auch durch ein ausgebautes privates Nachhilfesystem (Hagwon, 학원) erkauft.

Seit der letzten PISA-Studie von 2022 hat jedoch eine Entwicklung eingesetzt, die beide Systeme gleichermaßen herausfordert: KI-gestützte Anwendungen sind auf nahezu jedem mobilen Endgerät verfügbar und stellen Fragen nach Chancengleichheit, Leistungsbewertung und der Rolle von Lehrkräften in völlig neuer Schärfe. Genau an diesem Schnittpunkt – Bildungstraditionen, strukturelle Unterschiede und die disruptive Wirkung von KI – setzte unser Workshop an.

Zu Beginn des Workshops erhielten die Teilnehmenden – von denen einige das deutsche, andere das südkoreanische Bildungssystem selbst durchlaufen hatten – als Überraschung Arbeitsblätter aus beiden Staaten aus verschiedenen Jahrgangsstufen (1–12). Dieser Einstieg diente dazu, die eigenen Bildungserfahrungen zu reflektieren und eine gemeinsame Gesprächsbasis zu schaffen. Im anschließenden Austausch wurden schnell erste Einsatzmöglichkeiten von KI im Unterricht identifiziert. Besonders hervorgehoben wurden KI-gestützte Funktionen wie Voice-to-Text, KI-basierte Dialogpartner, automatische Übersetzung und Textvereinfachung. Diese Anwendungen wurden vor allem mit Blick auf Inklusion und den Erwerb von Fremdsprachen als vielversprechend angesehen, besonders da dies in manchen koreanischen Grundschulen bereits praktiziert wird.

Ein besonderer Diskussionspunkt ergab sich aus den an die südkoreanischen Teilnehmenden verteilten Originalaufgaben aus dem Suneung (수능), der nationalen Hochschulaufnahmeprüfung. Dieser Test gilt als entscheidend für den weiteren Bildungs- und Berufsweg und prägt das Leben südkoreanischer Jugendlicher über Jahre hinweg. Die Vorbereitung darauf ist belastend: Laut OECD verbringen südkoreanische Schüler im Durchschnitt fast doppelt so viele Stunden pro Woche mit Lernen und Nachhilfe wie deutsche Schülerinnen und Schüler als Vorbereitung. Hier wurde KI als Chance gesehen, Fehler im Lernprozess individuell erklärt zu bekommen und durch automatisierte Übungsaufgaben die eigene Lernzeit effizienter zu nutzen – eine Funktion, die teilweise die Rolle privater Hagwons (학원) übernehmen könnte. Der private Nachhilfemarkt in Südkorea umfasst Schätzungen zufolge jährlich über 20 Milliarden US-Dollar und ist damit ein zentraler Bestandteil des Bildungssystems. KI wurde daher von koreanischen Teilnehmenden vor allem als Instrument wahrgenommen, um Lernprozesse zu personalisieren und abhängig von bezahlter Nachhilfe zu schaffen.

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Die deutschen Teilnehmenden hingegen richteten den Blick stärker auf die gesellschaftliche Rolle von Schule. Für sie stand weniger die Frage nach Lernzeitoptimierung im Vordergrund, sondern vielmehr die Gefahr, dass durch eine unkritische Nutzung von KI zentrale Bildungsaufgaben geschwächt werden könnten. Insbesondere in den Fächern Deutsch, Geschichte und Politik, in denen Kompetenzen wie kritische Meinungsbildung, Textverständnis und Medienkompetenz vermittelt werden sollen, wurde die Gefahr gesehen, dass KI diese Prozesse untergraben könnte. Wenn Sachinformationen nicht mehr eindeutig auf ihre Herkunft überprüfbar sind und Texte möglicherweise vollständig von KI generiert wurden, droht ein Verlust an Transparenz und kritischer Urteilsfähigkeit. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland laut der KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ (2017, aktualisiert 2021) Demokratiebildung und Medienkompetenz zu den Kernzielen schulischer Bildung gehören, wurde KI hier vor allem unter dem Aspekt der Gefährdung demokratischer Bildungsprozesse diskutiert.

Als Speaker stand der Gruppe Herr Professor Chun-Shik Kim zur Verfügung. Als ehemaliges Mitglied der höchsten schulischen Bildungsinstanzen in Südkorea beschrieb er die aktuelle KI-Entwicklung voller Aufbruchsstimmung: Was in den 1990er-Jahren noch reine Science-Fiction war, ist heute Realität. Technisch betrachtet sei KI ein Sieg – doch hinsichtlich des Lernens und des Menschseins birgt sie eine fundamentale Bedrohung. Wer sich nachhaltig auf KI stützt, um eigene Ideen zu validieren, könne an Kreativität verlieren. Eine dauerhafte Abhängigkeit führe sogar zu einer Art „Domestizierung“ der Lernenden gegenüber der KI, die ihre Vorstellungskraft zunehmend einbüßen. Diese Herausforderung, so Professor Kim, betrifft Länder wie Deutschland und Südkorea gleichermaßen.

Im Nachgang seiner Ausführungen diskutierte die Gruppe lebhaft, ob Südkorea mit seiner MINT-Orientierung oder Deutschland mit seiner demokratischen Bildungstradition besser gerüstet sei, solchen Entwicklungen entgegenzutreten. Ein zentrales Thema war die Motivation der Schüler, komplexe Lösungswege weiter selbstständig zu erlernen, wenn Antworten jederzeit einfach per KI zugänglich sind. Ebenso kontrovers wurde die Frage diskutiert, inwiefern politische Sozialisation – zunehmend als Prozess von Textverständnis, Meinungsbildung und kritischer Reflexion – durch KI gefährdet wäre, wenn Schüler*Innen diese Prüfung nicht mehr selbst durchführen könnte.

Am Ende blieben zwei länderspezifische Fragen offen, die eine weitere Auseinandersetzung erfordern:

Für Deutschland: Wie kann KI so in die schulische Praxis integriert werden, dass sie einerseits den Lehrkräftemangel abfedert, andererseits aber nicht die demokratische Bildungsfunktion der Schule untergräbt?

Für Südkorea: Wie lässt sich verhindern, dass KI die ohnehin hohe Belastung durch Leistungsdruck und Nachhilfe weiter verstärkt, statt den Lernenden Freiräume für Kreativität und persönliche Entwicklung zu eröffnen?

Meinung des Workshopleiters:

„Künstliche Intelligenz besitzt das Potenzial, Bildungsprozesse grundlegend zu transformieren – und dieser Wandel wird unabhängig von politischen Entscheidungen stattfinden. Der Vergleich zwischen Deutschland und Südkorea zeigt jedoch, dass sowohl ein Mangel an Regulierung als auch eine unreflektierte Überfrachtung ohnehin schon überladener Curricula problematisch sind. Während Südkorea das Thema KI bereits 2019 in der AI national strategy im Bereich Education erwähnte  und in den Folgejahren erste einzelne KI-Modellschulen im Primar- und Sekundarbereich erprobt hat, steht Deutschland noch am Anfang einer systematischen Auseinandersetzung. Mit der Verbreitung massentauglicher Large Language Models (LLMs) hat KI inzwischen auch außerhalb von Modellschulen, an Schulen in Südkorea auch ganz offiziell Eingang in den Unterricht gefunden – etwa beim Sprachenlernen oder im Mathematikunterricht.

Deutlich wird dabei: KI darf nicht auf den Informatikunterricht reduziert werden, zumal es in beiden Ländern an ausreichend Fachlehrkräften in Informatik mangelt. Vielmehr sollte der Erwerb von KI-Kompetenzen als Querschnittsaufgabe verstanden werden. Dazu gehören Fähigkeiten wie Datenverarbeitung, kritische Bewertung algorithmischer Ergebnisse sowie kompetentes Promptwriting, die jeweils fachspezifisch verankert werden sollten, um bestehende Curricula zu vertiefen, statt sie zu verdrängen. KI nutzen in Geschichte, erfordert einen anderen Blick als etwa in Chemie.

Ob KI allerdings die strukturellen Probleme beider Bildungssysteme – den Lehrkräftemangel in Deutschland und die sinkenden Schülerzahlen in Südkorea – tatsächlich abzufedern vermag, bleibt fraglich. Ohne eine kohärente und vorausschauende Bildungspolitik droht KI nicht zum Instrument der Entlastung, sondern zur Quelle neuer Ungleichheiten und zusätzlicher Herausforderungen zu werden.“