(von Muhong Lee)

Vom 3. bis 5. Juli 2026 veranstaltete das Netzwerk Junge Generation Deutschland-Korea in Berlin den dreitägigen Themenworkshop „Vielfalt und gesellschaftliche Inklusion“. Die Auftaktveranstaltung fand am Freitagabend in der Heinrich-Böll-Stiftung statt und eröffnete einen intensiven deutsch-koreanischen Austausch über gesellschaftliche Vielfalt, Ungleichheit, Zugehörigkeit und Teilhabe. Der Workshop war als bilateraler Denk- und Dialograum konzipiert, in dem Perspektiven aus Deutschland und Südkorea zusammengeführt und unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen miteinander in Beziehung gesetzt werden sollten.

Ausgangspunkt des Workshops war die Beobachtung, dass gesellschaftliche Vielfalt in beiden Ländern längst Realität ist, gleichzeitig jedoch zunehmend im Spannungsfeld politischer Polarisierung, globaler Krisen und tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen steht. Migration, demografischer Wandel, Urbanisierung und Digitalisierung verändern soziale Strukturen und Vorstellungen von gesellschaftlicher Zugehörigkeit und Teilhabe. Zugleich werden öffentliche Debatten über Diversität, Inklusion und Gleichstellung zunehmend kontrovers geführt. Der Workshop sollte deshalb bewusst keine vorgegebenen normativen Antworten liefern, sondern einen Raum schaffen, in dem Spannungen und Zielkonflikte offen benannt und unterschiedliche Perspektiven konstruktiv diskutiert werden können. Ein besonderer Mehrwert lag dabei im deutsch-koreanischen Vergleich: Unterschiedliche Erfahrungen und gesellschaftliche Entwicklungen sollten nicht gegeneinander gestellt, sondern genutzt werden, um voneinander zu lernen und neue Perspektiven auf gesellschaftliche Inklusion zu entwickeln.

Die Auftaktveranstaltung am Freitag, den 3. Juli, bildete hierfür den inhaltlichen und konzeptionellen Rahmen. Nach der Anmeldung in der Heinrich-Böll-Stiftung wurde die Veranstaltung von Ella Soesanto, Referentin Asien der Heinrich-Böll-Stiftung, Johannes Klausa, Projektleiter des Netzwerks Junge Generation Deutschland-Korea, sowie Park Young-Seo, Gesandter und Generalkonsul der Botschaft der Republik Korea, eröffnet und begrüßt. Anschließend gab Muhong Lee, Projektmanager des Netzwerks Junge Generation Deutschland-Korea, mit seinem Impulsvortrag „Zwischen Zugehörigkeit und Vielfalt – persönliche Perspektiven zwischen Korea und Deutschland“ einen persönlichen und zugleich thematischen Einstieg in das Wochenende.

Nach der Vorstellung der Arbeitsgruppen folgte als zentraler Programmpunkt des Abends der Panel-Talk unter der Leitfrage „Wie können – und sollen – wir heute über Vielfalt sprechen?“. Auf dem Podium diskutierten Benedikt Lux, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, und der freie Journalist, Moderator und Podcaster Frank Jung. Moderiert wurde das Gespräch von der freien Journalistin Bohyun Kim. Im Mittelpunkt standen damit Fragen, die für das gesamte Wochenende leitend waren: Wie kann über Vielfalt gesprochen werden, ohne gesellschaftliche Debatten weiter zu polarisieren? Wie lassen sich unterschiedliche und auch kontroverse Positionen miteinander ins Gespräch bringen? Und welche Verantwortung tragen Politik, Medien und Zivilgesellschaft für eine konstruktive Debattenkultur? Das anschließende After-Work-Networking mit gemeinsamem Abendessen bot den Teilnehmenden Gelegenheit, die Diskussionen informell fortzuführen und sich untereinander zu vernetzen.

Die inhaltliche Vertiefung erfolgte in vier Arbeitsgruppen, die bewusst nicht nach bestimmten gesellschaftlichen Gruppen oder Identitäten, sondern entlang struktureller Herausforderungen konzipiert wurden. AG 1 „Zugehörigkeit, Teilhabe und Anerkennung“ beschäftigte sich mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Zugehörigkeit sowie formellen und informellen Möglichkeiten der Teilhabe. AG 2 „Soziale Herkunft & ökonomische Ungleichheit“ nahm unter anderem Klassismus, Bildungswege und finanzielle Ressourcen als Voraussetzungen gesellschaftlicher Mitgestaltung in den Blick. AG 3 „Gesundheit, Behinderung & Neurodiversität“ befasste sich mit Barrieren, gesellschaftlichen Leistungsnormen und struktureller Benachteiligung. AG 4 „Regionale & räumliche Vielfalt“ untersuchte schließlich Stadt-Land-Unterschiede, Mobilität, Digitalisierung und den ungleichen Zugang zu Infrastruktur und gesellschaftlichen Angeboten. Allen vier Gruppen gemeinsam war eine intersektionale Perspektive, durch die untersucht werden sollte, wie unterschiedliche Formen struktureller Ungleichheit zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken können.

Während der Freitag somit vor allem der Eröffnung eines gemeinsamen Debattenraums diente, stand der Samstag im Zeichen der vertieften inhaltlichen Arbeit. In mehreren Gruppenarbeitsphasen konnten die Teilnehmenden Problemstellungen definieren, unterschiedliche Perspektiven austauschen, strukturelle Ursachen analysieren und erste Thesen entwickeln. Digitale Gespräche mit koreanischen Expert*innen ermöglichten es zudem, Perspektiven aus Südkorea unmittelbar in die Gruppenarbeit einzubeziehen. Ergänzt wurde die Arbeit durch eine Dokumentarfilmvorführung mit anschließender Diskussion. Am Sonntag wurden die Ergebnisse in einer letzten Arbeitsphase weitergeführt und anschließend gemeinsam diskutiert, womit der dreitägige Workshop seinen Abschluss fand.

Ziel des Wochenendes war damit nicht allein die fachliche Auseinandersetzung mit einzelnen Dimensionen von Vielfalt. Vielmehr sollte ein Raum entstehen, in dem junge Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen miteinander ins Gespräch kommen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und Südkorea sichtbar machen und konkrete Handlungsansätze für politische Bildung, zivilgesellschaftliches Engagement und die öffentliche Debattenkultur entwickeln können. Die abschließende Frage richtete den Blick bewusst über das Wochenende hinaus: Welche Verantwortung kann die junge Generation im deutsch-koreanischen Kontext übernehmen und wie lässt sich der begonnene Dialog künftig weiterführen? Damit setzte der Workshop zugleich einen Impuls für den weiteren deutsch-koreanischen Austausch über Vielfalt und gesellschaftliche Inklusion.