- Du hast bereits in zahlreichen renommierten Institutionen in Deutschland und international gearbeitet und zur Nuklearpolitik auf der koreanischen Halbinsel geforscht. Könntest du uns zum Einstieg ein wenig darüber erzählen, wie dein persönlicher und beruflicher Weg dich zu diesem spannenden Themenfeld geführt hatten?
Ich hatte während meines Bachelor- und Masterstudiums in Frankfurt am Main das Glück, als studentische Hilfskraft für einen Professor an der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (heute: PRIF) zu arbeiten. Er war die deutsche Koryphäe im Feld zu nuklearer Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung. Das war mein beruflicher Einstieg und prägend für meinen weiteren Werdegang – ich habe durch diesen Job dieses spezifische Feld und viele weitere wichtige Leute darin kennengelernt, was mir bei den Bewerbungen für meine darauffolgenden Jobs (im selben Feld) wichtig war. Der Fokus auf Nordkorea und Nordostasien kam erst durch meine Promotion und hat meinen Forschungsschwerpunkt auch im Job geprägt.
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Du hast im Kombi-Bachelor Politikwissenschaft und Sinologie, im Master Internationale Studien/Friedens- und Konfliktforschung studiert, und dann aber zur Sicherheits- und Rüstungspolitik auf der koreanischen Halbinsel geforscht. Was hat dich dazu bewogen, dich einem Fokus auf Nord- und Südkorea zuzuwenden?
Ich wollte promovieren und habe mir dafür den Fokus auf Nordkoreas Atomwaffenprogramm ausgesucht. Eine Dissertation ist die Möglichkeit ein ganz eigenes Projekt zu konzipieren und selbstständig durchzuführen, was ich neben meiner Arbeit vollbracht habe. Den Fokus auf Nordkorea habe ich gewählt, weil ich mein persönliches Interesse und Vorkenntnisse zu Korea nutzen wollte.
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Gab es ein konkretes Ereignis oder einen Moment, der dein wissenschaftliches Interesse an der koreanischen Halbinsel und speziell am nordkoreanischen Nuklearprogramm geweckt hat?
Duch meine familiäre Prägung war ich sowieso schon an der koreanischen Halbinsel interessiert, aber die vielen Raketentests in 2016-2017 und „fire and fury“ Reaktion von Trump während seiner ersten Amtszeit haben mein spezifisches Interesse an Nordkoreas Atomwaffenprogramm geprägt. Es war damals überall in den deutschen und internationalen Medien, versehen mit einer Art Überraschung, wie schnell und wie weit Pjöngjang gekommen war.
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Die sicherheits- und verteidigungspolitische Forschung, insbesondere in den Bereichen Atomwaffen und Raketentechnologie, gilt als ein stark männlich geprägter Bereich – sowohl in der politischen Praxis als auch im akademischen Diskurs. Wie hast du persönlich diese Dynamik in deiner vorherigen Arbeit erlebt? Und wie war es für dich als Frau, in diesem Bereich zu forschen und zu arbeiten?
Es stimmt, man kann sich als Frau schnell einsam oder auffallend fühlen auf Konferenzen zu Atomwaffen und Raketensystemen – und dann noch als junge Frau mit Migrationshintergrund. Auch wenn es mir persönlich manchmal schwer gefallen ist, habe ich versucht das positiv zu sehen und als vorteilhaft zu drehen: Vielleicht kann ich dadurch andere Perspektiven in die Diskussion und Forschung einbringen!
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Sahst du in deiner Forschung auch das Potenzial, diesen Diskurs kritisch zu betrachten oder sogar feministische Perspektiven stärker einzubringen?
Das Potenzial existiert und es gibt auch Forschungsstränge mit kritischen, feministischen oder post-kolonialen Perspektiven.
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Gab es für dich besondere Herausforderungen, die sich aus der männlich dominierten Struktur dieses Fachgebiets ergeben haben? Wenn ja, wie bist du damit umgegangen? Gibt es einen Ratschlag oder eine Erkenntnis, die du gern früher gehabt hättest, um den Einstieg in dieses komplexe und männlich dominierte Forschungsgebiet zu erleichtern?
Ich wurde hier und da (positiv) diskriminiert, aber habe sonst keine besonderen Herausforderungen gehabt. Zum Glück hatte ich männliche und weibliche Vorgesetzte und Mentor:innen, die in meinen Vorkenntnissen Potenzial gesehen und mich gefördert haben. So schwer es vielleicht manchmal ist, sollte man sich auf jeden Fall nicht einschüchtern lassen und stattdessen selbstbewusst die eigenen Kompetenzen herausstellen. Eine meiner Mentorinnen hat mir mal empfohlen, bewusst aufzufallen und den eigenen Platz im Feld selbstbewusst einzunehmen, zum Beispiel auf einer Konferenz mit klugen Fragen und einem roten Blazer (oder anderen schönen Farbakzenten).
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Welche Rolle kann Deutschland – und im weiteren Sinne auch die Europäische Union – im Kontext der sicherheitspolitischen Lage auf der koreanischen Halbinsel einnehmen? Inwiefern besteht die Möglichkeit, durch diplomatische, wirtschaftliche oder sogar zivilgesellschaftliche Mittel einen Beitrag zu leisten?
Deutschland und die Europäische Union haben jeweils eigene direkte diplomatische Kanäle mit Nordkorea. Allerdings sind diese Beziehungen auf einem Tiefpunkt angelegt, weil Nordkorea seine Atomwaffen- und Raketenprogramme weiter ausbaut, Sanktionen umgeht, Partner in der Region bedroht und Russland, Iran wie auch andere militärisch unterstützt. Dennoch können Deutschland und die Europäische Union öffentlichkeitswirksam für Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in Nordostasien eintreten sowie mit Partnern vor Ort in diesem Sinne zusammenarbeiten. Vielleicht ergeben sich mit dem neuen südkoreanischen Präsidenten Lee Jae-myung, der sich für Dialog und Koexistenz mit Nordkorea einsetzen will, passende Möglichkeiten.
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Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus? Was findest du an deiner Arbeit am spannendsten?
Mein Arbeitsalltag als Forscherin war sehr diffus, je nachdem wo ich mich in meinem Forschungsprozess befand: Ideen für neue Publikationen entstanden oft auf Konferenzen oder im Austausch mit meinen Kolleg:innen im Büro; für das Konzeptionieren und Recherchieren brauchte ich aber viel Ruhe und habe entsprechend auch weniger Emails gecheckt und Termine vereinbart. Für das Verfeinern meiner Ergebnisse und Argumentation brauchte ich dann aber wieder den Austausch; es war entsprechend oft ein Wechsel von Terminen, Forschungsreisen und zurückgezogenen Zeiten am Schreibtisch. Mein Arbeitsalltag im Auswärtigen Amt folgt einem viel klaren Rhythmus und ist gleichzeitig auch sehr abwechslungsreich: es gibt tagtäglich viel zu tun, was ich durch hereinkommende Emails oder interne Besprechungen erfahre. Oft kann ich am Vortag nicht voraussagen, was ich am nächsten Tag alles bearbeiten werde, außer es gibt konkrete Termine, die vorzubereiten sind.
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Gibt es Fähigkeiten, Haltungen oder Erfahrungen, von denen du heute sagen würdest: „Das war entscheidend“?
Ich habe immer viel aus internationalen Konferenzen gezogen, sei es spezifisch zu Atomwaffenpolitik, zu Nordkorea, zu anderen sicherheitspolitischen Themen oder kritischen Perspektiven. Mit der eigenen Forschungsarbeit tendiert man schnell dazu, alleine vor sich hin zu arbeiten, aber der Austausch mit anderen und das intellektuelle „über-den-Tellerrand-schauen“ ist sehr wichtig und war für mein Denken und Forschen immer sehr bereichernd.
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Wenn du auf deinen bisherigen Weg zurückblickst: Was würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, um sich in der sicherheits- und rüstungspolitischen Forschung erfolgreich zu positionieren?
Ich würde mir Mut zu sprechen, selbstbewusst zu sein, mir schnell ein eigenes Forschungsprofil zu schaffen und damit auf andere Leute im Forschungsfeld zuzugehen. Das hat sich bei mir durch meine Promotion mit der Zeit ergeben, da ich damit automatisch ein Thema hatte, mit dem ich mich sehr viel auseinandergesetzt und Expertise aufgebaut hatte und dann auch auf Fachleute, deren Artikel und Bücher ich gelesen hatte, mit inhaltlichen Fragen zu gegangen bin. Von diesem spezifischen Thema aus konnte ich dann auch Stück für Stück angrenzende Themen wie Sicherheit in Nordostasien als Expertisefelder dazu gewinnen und für meine Positionierung im Forschungsfeld nutzen.