- Sie sind in Deutschland aufgewachsen und haben koreanische Wurzeln. Wie haben Sie im Laufe der Zeit Ihre Identität als Koreaner entwickelt? Gab es besondere Erlebnisse oder Einflüsse, die Ihr Interesse an der koreanischen Kultur – und schließlich auch speziell am Hanok – geweckt oder geprägt haben?
In meinem Fall ist es, wie bei vielen in meiner Generation: Meine Mutter kommt aus Korea. Sie ist 1966 nach Deutschland gekommen, um ihre Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Im Gegensatz zu den bereits ausgebildeten Krankenschwestern, die später nach Deutschland kamen, war meine Mutter deshalb sehr jung, als sie nach Deutschland ging – gerade einmal 18 Jahre alt. Vielleicht hat sie sich deshalb sehr schnell an Deutschland angepasst und die Sprache sehr gut gelernt. Sie kommt aus einer Großfamilie mit sieben Geschwistern, mein deutscher Vater hingegen hat keine Geschwister. Unsere Familie war deshalb immer sehr stark von Korea geprägt. Unsere Halmoni, also unsere koreanische Großmutter, hat im Laufe meiner Kindheit insgesamt sechs Jahre bei uns in Deutschland gelebt. Auch unser Zuhause war deshalb immer sehr koreanisch geprägt. Ich bin auf die koreanische Schule in Kassel gegangen, und es gab auch bei uns in Hann.Münden, einer Kleinstadt zwischen Kassel und Göttingen, ein paar koreanische Familien, sodass es schon so etwas wie eine kleine Gemeinschaft gab. Darüber hinaus war Korea für mich immer ein positiver Bestandteil meiner Identität. Ich denke, das lag vor allem an meiner Mutter und Großmutter und daran, dass wir relativ oft in Korea waren. Das war für mich immer sehr aufregend und hat mir viele schöne Kindheitserinnerungen beschert. Ein Grundinteresse an der Kultur hatte ich deshalb schon immer. Das spezielle Interesse am Hanok kam bei mir im frühen Erwachsenenalter, als ich eigentlich Wirtschaft studierte. Da mir klar wurde, dass das nicht mein Weg ist, begann ich zu überlegen, was ich im Leben eigentlich gerne machen möchte. Vielleicht, weil ich damals ein Praktikum in Korea gemacht habe, dachte ich über die traditionelle Kultur nach – und da kam mir das Hanok in den Sinn. Ich hatte Kindheitserinnerungen an das Hanok meiner zweiten Tante in Gwangju, und irgendwie fand ich es immer sehr schade, dass diese Architektur so vernachlässigt wurde (was sich mittlerweile geändert hat).
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Als Sie als Hanok-Architekt in Korea zu arbeiten begannen – gab es Herausforderungen, mit denen Sie im Vorfeld nicht gerechnet hatten? Gab es Aspekte, die sich deutlich von den deutschen Bauvorschriften oder Herangehensweisen unterschieden und die Sie erst im Laufe der Arbeit neu erlernen oder anpassen mussten?
Nicht wirklich. Ich hatte zwar in Deutschland studiert, war aber als Visiting Student in Korea und ich habe direkt nach dem Studium angefangen ,in einem Büro zu arbeiten, in welchem ich vorher mein Praktikum gemacht hatte. Dieses Büro gehört zu den Wegweisenden im Bereich der modernisierten traditionellen Architektur. Ich habe also die praktischen Seiten meines Berufes nur in Korea kennengelernt. Gleiches gilt für die Arbeitskultur, den Umgang mit Bauvorschriften und Bürokratie, Akquise etc. Da ich seit über 15 Jahren in Korea arbeite und lebe, würde ich wohl umgekehrt Schwierigkeiten haben, mich im Deutschen Arbeitsleben einzufinden. Ich finde es auch befremdlich, wenn ich zu diesem Zeitpunkt gefragt werde, ob ich denn meine Rückkehr nach Deutschland planen würde. Wohlgemerkt vor dem Hintergrund, dass der/die GesprächspartnerIn weiss, dass ich mir hier mit einer koreanischen Partnerarchitektin ein Gemeinschaftsbüro und mein Leben auf- und ein Haus gebaut habe und meine Spezialisierung auf Hanok in Deutschland von wenigen Ausnahmen abgesehen praktisch nutzlos wäre.
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Es heißt, dass es nicht nur im Ausland, sondern selbst in Korea kaum formalisierte Studien- oder Ausbildungsmöglichkeiten gibt, um sich auf Hanok-Architektur zu spezialisieren. Welche Wege können junge Menschen, die – wie Sie – eine Leidenschaft für Hanoks haben, einschlagen, um dennoch diesen Traum zu verwirklichen? Welche Empfehlungen würden Sie ihnen mit auf den Weg geben?
Das war zu der Zeit, als ich beschlossen hatte, diesen Weg zu gehen, tatsächlich der Fall – hat sich aber mittlerweile geändert. Ich betreue beispielsweise an der Korean National University of Cultural Heritage an der Fakultät für traditionelle Architektur das Pflichtfach „Traditioneller Wohnbau“. Es gibt noch einige wenige weitere Universitäten, die eine Fakultät für traditionelle Architektur haben. Des Weiteren kann man auch ‚Kulturgüter-Erhalt‘ studieren, was in etwa der deutschen Denkmalpflege entspricht, und es gibt praktische Ausbildungen für traditionelles Handwerk. In diesem Feld hat sich in den letzten 20 Jahren sehr, sehr viel bewegt.
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Gibt es in Korea weitere Architekturbüros, die sich auf Hanok-Architektur spezialisieren? Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung und Zukunft dieser Branche ein?
Ja, gibt es. Es gibt auch in den Provinzen lokale Büros, die diese Arbeit machen, jedoch ist die Qualität des Entwurfs sehr stark davon abhängig, wie hoch das Honorar ist. Dieses ist tendenziell in den Provinzen niedrig, sodass die Bauqualität tendenziell (nicht immer) in der Hauptstadtregion höher ist. Büros, die sehr hochwertig, mit hohem Planungsaufwand kreativ und traditionell entwerfen, gibt es wahrscheinlich weniger als ein Dutzend. In der Regel arbeiten diese Büros dann, wie wir auch, nicht nur mit traditioneller Architektur, sondern bieten zusätzlich auch die Planung moderner Architektur an, da eine vollständige Spezialisierung auf Hanok aufgrund des geringen Marktvolumens zu sehr einschränkt. Was die Zukunft der traditionellen Baubranche angeht, bin ich vorsichtig optimistisch, dass wir zumindest das derzeitige Niveau in Prozent des gesamten Bauvolumens halten können. Aufgrund der bevorstehenden Schrumpfung der Gesamtbevölkerung ist selbstverständlich langfristig mit einer Schrumpfung des gesamten Bausektors zu rechnen.
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In einem Videointerview mit der Stadt Seoul sagten Sie: „Das Hanok trägt den Wandel der Zeit und seine Schönheit in sich und strebt im Dialog mit dem modernen Menschen nach Veränderung.“ Könnten Sie näher erläutern, was Sie damit gemeint haben?
Dies scheint mir eine etwas merkwürdige Übersetzung zu sein, aber ich denke, ich habe darauf hingewiesen, dass das Hanok nie statisch in einer festen Form existiert hat, sondern sich immer den veränderten Gegebenheiten angepasst und weiterentwickelt hat. Besonders sichtbar wurde dies während der Zeit der Modernisierung Koreas, beginnend mit der Ausrufung des Koreanischen Kaiserreichs und bald darauf unter der japanischen Kolonialherrschaft sowie nach der Befreiung Koreas – mit Unterbrechung durch den Koreakrieg – bis in die 1960er Jahre. Es folgte danach eine Durststrecke, beginnend in den 1970er Jahren bis in die Mitte der 1990er Jahre, und seit den späten 1990ern erleben wir eine Wiederentdeckung des Hanok mit einer neuen Modernisierungswelle, die bis heute anhält. Das Hanok zeigt sich dabei erstaunlich flexibel und anpassungsfähig. Ich hoffe, dass wir das traditionelle Handwerk erhalten und mit den modernen Bedürfnissen in Einklang bringen können – aber ich denke, das werden wir schaffen.
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Wie möchten Sie als Architekt in Zukunft den Dialog zwischen Tradition und Moderne weiterentwickeln, und welche Botschaft möchten Sie jungen Designern in diesem Kontext mit auf den Weg geben?
Ich wünsche mir, dass die traditionelle Architektur aus der Ecke des „Besonderen“ herausgeholt wird und selbstverständlicher als Teil der Architektur insgesamt wahrgenommen wird. Das muss nicht zwingend bedeuten, dass wir wieder mehr traditionelle Architektur bauen. Korea hat aus historischen Gründen – vor allem durch die Kolonialzeit – im Vergleich zu Japan nicht die gleiche Chance gehabt, aus der eigenen Tradition heraus eine eigenständige koreanische moderne Architektursprache zu entwickeln. Andererseits macht genau das die Situation für mich als Architekt sehr spannend, da diese Entwicklungen derzeit vermehrt stattfinden. Ich würde mich deshalb sehr darüber freuen, wenn sich vor allem junge Architektinnen und Architekten in Korea mehr mit der traditionellen Architektur auseinandersetzen und auf Grundlage dieses Verständnisses eine eigene moderne Architektursprache entwickeln.
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Arbeiten Sie derzeit an Entwicklungen oder Projekten, um die traditionelle Hanok-Architektur in das moderne städtische Leben zu integrieren und weiterzuentwickeln?
Die meisten unserer Hanok-Projekte werden in Seoul realisiert. Bis in die späten 1960er Jahre war das Hanok die dominierende urbane Wohnform – was man sich heute kaum noch vorstellen kann, wenn man das moderne Seoul vor Augen hat. Auch wenn das Hanok in Zukunft keine dominierende Wohnform mehr sein wird, denke ich, dass es in seiner jetzigen Form zumindest sein Nischendasein fortsetzen wird. Ein Hanok- Viertel kann zwar nicht dieselbe Wohndichte erreichen wie die 4- bis 5-geschossigen Mehrfamilienhausviertel, aber durchaus eine Einwohnerdichte vergleichbar mit der Berlins von etwa 4000 Personen pro Quadratkilometer. Übrigens erreichen die hochgeschossigen modernen Apartmentviertel nicht dieselbe Wohndichte wie die älteren Viertel mit 4 bis 5 Geschossen. Der Grund sind Abstandsregelungen und größere Einheiten, in denen dann weniger Personen leben. Das oft vorgebrachte Argument, dass wir aufgrund der Bevölkerungsdichte zwingend hochgeschossigen Wohnbau brauchen, ist also ein Mythos. Durch die erhaltenen und neu geschaffenen Hanok-Viertel ist das Hanok ein kleiner aber wichtiger Teil des Stadtbildes. Es zeigt sich erstaunlich anpassungsfähig und funktioniert auch in relativ beengten Lagen überraschend gut, da durch den Innenhof Belichtung und Außenbezug geschaffen werden. Ich denke, dass langfristig durch die bevorstehende Bevölkerungsschrumpfung in Korea der Dichtedruck ohnehin irgendwann abnehmen wird – und sich dadurch vielleicht auch neue Chancen für das Hanok als Wohnform eröffnen könnten.
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Für viele junge Menschen – insbesondere auch in Deutschland – ist die Klima- und Umweltfrage eines der zentralen Themen, das nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt. Spielen umweltfreundliche Aspekte oder der Einsatz nachhaltiger Energien auch in der modernen Hanok-Architektur eine Rolle? Gibt es Beispiele, in denen solche Elemente bereits umgesetzt wurden?
Als Grundkonstruktion auf Holz zurückzugreifen, ist grundsätzlich erst einmal ökologischer als der Einsatz von Beton. Wenn das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt, wird CO₂ langfristig im Gebäude gebunden, und nachwachsendes Holz speichert dann weiteres CO₂. Die Energieeffizienz des Hanok hat sich in den letzten Jahren ebenfalls stark verbessert – allerdings auf Kosten des „Natürlichkeitsaspekts“, da nun moderne Dämm- und Baustoffe zur Anwendung kommen. Das Heizsystem unterscheidet sich nicht von dem anderer moderner Wohngebäude. Meist werden bisher Gasdurchlauferhitzer verwendet, die Warmwasser für die Fußbodenheizungund den persönlichen Gebrauch liefern. Modernere, klimafreundliche Heizsysteme haben sich in Korea leider bisher noch nicht durchsetzen können. Die Installation einer Wärmepumpe würde sich angesichts der kleinen Bauparzellen in Seoul zudem als schwierig erweisen.
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Sie verfügen mittlerweile über fast 15 Jahre Erfahrung in dieser Branche. Gibt es unter den Projekten, an denen Sie bisher gearbeitet haben, ein Hanok, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist oder zu dem Sie eine besondere persönliche Verbindung haben – und wenn ja, warum?
Ja, das Hanok, das uns am meisten Freude bereitet hat, ist „Seohuijae“ im Eunpyeong Hanok Village am nördlichen Stadtrand Seouls. Wir haben mit der Bauherrin ein sehrf reundschaftliches Verhältnis, und der Entwurfsprozess war dank ihrer Einstellung sehr produktiv und angenehm. Seohuijae wurde 2022 von der Stadt Seoul als „Hanok des Jahres“ ausgezeichnet. Derzeit realisieren wir für dieselbe Bauherrin ein modernes Bauprojekt. Dieses Jahr wurde Seohuijae darüber hinaus mit dem Nationalen Hauptpreis der Kategorie ‘Hanok’ ausgezeichnet. Ein weiteres Projekt, das für uns sehr wichtig war, ist „Jeongdaun-Jib“, ebenfalls in Eunpyeong. Die Bauherren hatten großes Interesse, ein Hanok zu bauen, das sich gestalterisch an den alten traditionellen Adelsanwesen orientiert. Das bedeutet entgegen der Vermutung, die man als Laie vielleicht haben könnte, keinen Prunk und Dekoration, sondern ganz im Gegenteil: eine klare und bescheidene Konstruktionsweise. Wir haben auch keine modernisierten Fenster im sogenannten „Hanok-Look“ verwendet, sondern mit unserem traditionellen Fensterbauer zusammengearbeitet, mit dem wir bereits dämmtechnisch verbesserte traditionelle Fenster entwickelt haben. Dieses Hanok hat 2023 wie Sohuijae den Hanok-Hauptpreis der Stadt Seoul, sowie den nationalen Hanok-Hauptpreis 2023 gewonnen, was für uns als kleines Büro natürlich ein sehr großer Erfolg ist.
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Als Hanok-Architekt sind Sie sicherlich mit einer Vielzahl von Projekten und Orten vertraut, an denen man Hanoks nicht nur erleben, sondern auch etwas über ihre Bauweise und kulturelle Bedeutung lernen kann. Wenn Deutsche, die sich für Hanoks interessieren, nach Korea reisen – welche Orte oder Angebote würden Sie ihnen abseits der bekannten Hanok-Dörfer empfehlen? Haben Sie vielleicht konkrete Tipps für authentische Erfahrungen oder Lernmöglichkeiten?
Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich mich in erster Linie als Architekt sehe – und nicht als Hanok-Architekt –, da das Hanok ein Teil der Architektur insgesamt ist. Auch wenn man einen gewissen Grad an Spezialisierung braucht, benötigt man eine fundierte Ausbildung zum Architekten, um überhaupt planen zu können. Um die eigentliche Frage zu beantworten, müsste man zunächst klären, was „authentisch“ überhaupt bedeutet. Wenn man Traditionalist ist, wird man im Grunde alle in Seoul befindlichen Hanok außerhalb der Paläste ausschließen – vielleicht mit Ausnahme des Namsan Hanok Village, das allerdings aus Hanok besteht, die an verschiedenen Standorten abgebaut und dort wiedererrichtet wurden. In diesem Fall sollte man die UNESCO- Weltkulturerbedörfer Hahoe und Yangdong besuchen, die sich in der Provinz Gyeongsangbuk-do befinden. Wenn man das Hanok als eine sich mit der Zeit weiterentwickelnde Bauform versteht und nicht auf eine vollständig traditionelle Ausprägung besteht, sind die Hanok-Viertel in Seoul wie Bukchon und Seochon sehenswert, wenn auch touristisch überstrapaziert. Das Hanok-Viertel in Eunpyeong ist sehr jung, nach der Jahrtausendwende entstanden. Hier kann man auch viele zweigeschossige, moderne Hanok sehen. Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche Gassen in Seoul, in denen Hanok aus der späten Kolonialzeit bis in die 1960er Jahre erhalten geblieben sind – beinahe im Winterschlaf –, bis sie vielleicht irgendwann wiederentdeckt und renoviert werden. Leider ist es jedoch viel wahrscheinlicher, dass sie abgerissen werden, um modernen Gebäuden Platz zu machen.