- Sie waren Landesvertreter der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Ghana sowie in Südkorea. Wie haben diese Erfahrungen Ihre Sicht auf die globale Wirtschaftspolitik und Entwicklungen verändert? Konnten Sie dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Länder erkennen?
Interessanterweise wurden Ghana und Südkorea in einigen Publikationen der Weltbank miteinander verglichen. Diese beiden Länder hatten gemäß den statistischen Daten 1960 das gleiche Pro-Kopf-Einkommen. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich heute die beiden Länder sich darstellen. Süd-Korea ist ein hoch entwickeltes Industrieland, und Ghana auch heute noch ein Land des Globalen Südens, welches durch ein niedriges Einkommen gekennzeichnet ist. Gemeinsam ist den beiden Ländern die schwierige geografische Ausgangslage. Südkorea hat insbesondere mit Nordkorea einen sehr schwierigen Nachbar. Die Beziehungen zu Japan und China sind aus unterschiedlichen Gründen höchst volatil. Ghanas hat mit der Elfenbeinküste und Togo zwei Nachbarländer im Westen und Osten und Burkina Faso im Norden, deren ökonomische und politische Entwicklung kompliziert ist und für Ghana keinen Schub bedeutet. Hinzu kommt das bevölkerungsreiche Nigeria, welches aufgrund eigener Entwicklungsprobleme für Ghana eher eine Belastung bedeutet.
- Welche Erwartungen hatten Sie an Südkorea, bevor Sie als Ländervertreter nach Seoul gegangen sind, und inwiefern wurden diese (nicht) bestätigt? Was hat Sie an Südkorea fachlich und persönlich am meisten fasziniert?
Ich hatte ein faszinierendes Land erwartet, und wurde nicht enttäuscht. Ich kam in einer Zeit (1997), als in internationalen Organisationen das Beispiel Südkorea, zusammen mit anderen asiatischen „Tiger-Staaten“, als leuchtendes Beispiel genannt wurde. Und just am Ende des Jahres musste Südkorea mit dem Internationalen Währungsfonds ein Strukturanpassungsprogramm ausarbeiten. Die Erwartungen eines stetigen disruptionsfreien Wachstums wurden nicht bestätigt. Wohl aber wurde die These, dass Südkorea durch Agilität geprägt ist, bestätigt. Die Fähigkeit, auch unter widrigen Umständen kreative Wege zu finden, ist beeindruckend.
- Sie waren von 1997 bis 2001 in Seoul, also direkt während und nach der Asienkrise. Wie haben Sie damals die Situation und die folgenden Wirtschafts- aber auch Gesellschaftsprozesse erlebt?
Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Gründen für die Krise und auch mit den Lehren aus der Vergangenheit waren spannend für mich. Letztlich hat die Krise Südkorea gestärkt. Die Resilienz des Systems und der Menschen ist ein herausragendes Merkmal Südkoreas. Die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen, welche die Defizite staatlicher Politik adressierten und ausglichen, war für mich persönlich wertvoll.
- Als Ländervertreter der FES hatten Sie engen Kontakt zu Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft: Gab es ein Projekt oder eine Begegnung in Korea, die Ihre Sicht auf das Land emotional besonders geprägt hat?
Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte mit einer Vielzahl von Organisationen kooperiert. Mit Frauenorganisationen, mit Gewerkschaften, mit staatlichen Forschungsinstitutionen und mit Hochschulen. Ich denke noch heute an eine Veranstaltung zurück, in der es um die Entwicklung von Nachhaltigkeit an Hochschulen ging. Südkoreanische Hochschulen hatten uns um die Vermittlung von Expertinnen oder Experten gebeten. Wir luden Vertreter von deutschen Universitäten ein, welche über den Aufbau eines „green Campus“ sprachen. Allein mit diesem Ansinnen der Ausrichtung einer Konferenz zu diesem Thema bewies unsere Partnerorganisation große Weitsicht. In Südkorea gab es immer wieder Menschen, die bereit waren, über den nächsten Schritt hinaus zu denken.
- Aus Ihrer Sicht: Welche Bedeutung haben internationale Stiftungen wie die FES für den deutsch-koreanischen Dialog, damals wie heute? Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit koreanischen Partnern aus Politik, Wissenschaft oder Zivilgesellschaft?
In der damaligen Zeit empfand ich die Arbeit, welche Kontakte zwischen Deutschland oder zunehmend Europa und Südkorea herstellt, sehr wichtig. Das Interesse an Europa war groß. Damals ging es um die Stabilisierung der demokratischen Ordnung, und der Kontakt mit Parteien, mit Parlamenten, mit Medienvertretern, mit Gewerkschaften und anderen Organisationen der Zivilgesellschaft war wertvoll. Dies nicht so sehr, weil eine Kopie deren Wirkens in Deutschland sinnvoll gewesen wäre, sondern weil durch Dialogveranstaltungen, wie sie die Stiftungen organisieren, ein echtes Verständnis möglich wird.
- Wenn Sie auf das heutige Korea blicken: Welche Entwicklungen hätten Sie Ende der 1990er Jahre so nicht erwartet?
Die unglaubliche Karriere der koreanischen Kultur und die Wertschätzung, die koreanische Filme und koreanische Musik in Asien und zunehmend auch in Europa erfahren, kommt für mich völlig überraschend.
Den Aufstieg der Universitäten hatte ich erwartet. Nicht erwartet habe ich die Hartnäckigkeit, mit der sich das Schulsystem hält, welches den jungen Menschen während der Schulzeit eine solche physische und mehr noch mentale Belastung aufbürdet. Hier muss meines Erachtens mittelfristig eine Veränderung kommen. Der Preis, den Menschen am Anfang ihres Lebens zahlen, ist sehr sehr hoch.
- Die Wirtschaftsstruktur und Dominanz großer Konzerne in Südkorea sind ein prominentes Thema: Können Sie unseren Leser*innen die Problematik erklären und vielleicht ein Beispiel geben, wie sich diese Wirtschaftsmacht im Alltag der Menschen zeigt?
Die großen Konzerne wie Samsung und Hyundai sind kreative Konglomerate, mit den Stärken und den Schwächen großer Organisationen. Mich beeindruckt deren Agilität. Und gleichzeitig war damals und auch heute die Komplexität, die wenig transparente Führung auch stets eine Gefahr. Die Befassung mit den Corporate Governance Strukturen Südkoreas bleibt für mich faszinierend.
- Inwiefern hat Ihre Zeit in Korea Ihre spätere wissenschaftliche Arbeit und Ihre Tätigkeit als Professor beeinflusst?
Ich hatte damals mehrere Artikel über Korea geschrieben und Vorlesungen an der Seoul National University und anderen Hochschulen gehalten und somit für mich selbst den Weg zurück in die Wissenschaft geebnet.
- Wenn Sie auf Ihre bisherige private und berufliche Laufbahn zurückblicken: Welche Entscheidungen würden Sie genauso wieder treffen, und welche Ratschläge würden Sie jungen Menschen basierend Ihrer Erfahrungen geben?
Ein längerer Aufenthalt im Ausland ist zweifellos prägend für den Charakter und die Karriere. Ich würde immer wieder eine Zeit dieser Art einplanen wollen. Als Student war ich ein Jahr in den USA. Später habe ich rund sieben Jahre im Ausland gelebt. Am einfachsten ist dieses Sammeln von Erfahrungen als Studierender, und später als Entsandter einer deutschen Organisation. Heute kann man durch remote work vielleicht auch ganz anders die Dynamik anderer Gesellschaften und die Faszination, die von anderen Kulturen ausgeht, erleben.
- Sie haben in vielen unterschiedlichen Ländern gelebt und gearbeitet, was würden Sie jungen Menschen raten, die zum ersten Mal für längere Zeit in ein fremdes Land gehen? Wie gehen Sie zum Beispiel mit Sprachbarrieren und Kulturschock um?
Mein stärkster Kulturschock kam nach meiner Rückkehr aus Ghana und Korea. In der Fachliteratur findet man mittlerweile viele Artikel, welche das Phänomen aufgreifen, dass man auf die Rückkehr in das Heimatland nicht vorbereitet ist. Das ist aber bei vielen Menschen so, und war auch bei mir der Fall: Man kommt zurück und erwartet, dass man sich schnell wieder einfindet. Der Vergleich des Heimatlandes mit dem Gastland, in dem man einige Zeit gelebt hat, lässt einen aber eher unruhig werden. Für lange Zeit sehnten wir uns nach Südkorea zurück, nach der Dynamik, der kosmopolitischen Atmosphäre Seouls. Letztlich ist sowohl der Schritt in das Ausland als auch der Schritt zurück heilsam und lehrreich. Die Disruption im Fühlen, Denken und Handeln macht uns letztlich stärker.