Im Rahmen des Buchclubs des Netzwerk Junge Generation Deutschland-Korea haben sich unsere Mitglieder zu einem Gespräch über das Buch „Menschenwerk“ von Han Kang getroffen. Marie Louise Neusser – unterstützt von der AG Themen & Politik – reflektiert in ihrer Rezension über ihre Begegnung mit diesem Werk.

(von Marie Neusser)

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Ein nahezu unbekannter Aufstand?

„[D]ie entstellten Gesichter formten sich in meinen Gedanken zu einer grundlegenden Frage über die Menschheit: Sind Menschen wirklich bereit, anderen so etwas anzutun? Gleichzeitig gab es weitere Bilder, die eine ganz andere Frage in mir aufkommen ließen. Es waren Aufnahmen von Menschen zu sehen, die sich vor einem Universitätskrankenhaus in einer endlosen Schlange anstellten, um Blut für die Schussverletzten zu spenden. Sind Menschen wirklich bereit, so etwas füreinander zu tun?“

(Nobelpreis-Rede, S. 5)

Han Kang, die zum Zeitpunkt des Aufstandes neun Jahre alt war, erfuhr über ein zur Militärdiktatur illegales „Gwangju-Fotobuch“ ihrer Eltern von den Ereignissen in Gwangju zur Zeit des Aufstandes 1980. Die Fragen zur menschlichen Natur, die bereits in ihrem kindlichen Gehirn aufkommen, trägt sie weiter mit sich, bis sie sich 2014 in „Menschenwerk“ damit auseinandersetzt.

Als Gwangju-Aufstand werden heute eine Reihe, zunächst studentischer Aufstände bezeichnet, die ab dem 18. Mai 1980 zehn Tage lang in Gwangju stattfanden. Als 1979 Park Chung-Hees autoritäres Regime mit einem Attentat beendet wird, wünscht man sich in der Bevölkerung eine demokratische Neuordnung. Stattdessen konnte das Machtvakuum von einer Gruppe des Militärs um Chun Doo-Hwan ausgenutzt werden, die die frisch eingesetzte Regierung wiederum durch einen Putsch machtlos stellte.

Die Studierenden, Gewerkschaftsmitglieder, Arbeiterinnen und Arbeiter, die bereits in den Jahren zuvor für mehr Demokratie demonstriert hatten, waren nicht bereit, dies kampflos hinzunehmen. Chun reagierte schnell und brutal auf alle „kommunistischen“ Proteste und ließ mithilfe der Ausrufung des Kriegsrechts Universitäten schließen, die Presse zensieren und Oppositionelle verhaften. In Gwangju wollte man sich aber nicht so schnell geschlagen geben: Die breite Zivilbevölkerung engagierte sich und setzte nach dem ersten Zurückdrängen der Soldaten eine autonome Verwaltung ein. Nach zehn ereignisreichen Tagen wurde die Bewegung dann mit Militärgewalt endgültig zerschlagen. Genaue Zahlen sind nicht überliefert, aber Schätzungen reichen von mehreren hundert bis zu mehreren tausend Toten. Wie kann es also sein, dass ein solch blutiges Ereignis nicht einmal 50 Jahre später sowohl in der Weltgeschichte nahezu unbekannt als auch in der koreanischen Erinnerungsgeschichte nur wenig verankert ist?

Chuns Militärdiktatur endete erst infolge der Juni-Demokratiebewegung acht Jahre nach dem Aufstand und kontrollierte so zur entscheidenden Zeit das Narrativ. Vor der Zerschlagung des Aufstandes wurde die Stadt verbarrikadiert und die Telefonleitungen gekappt. Interessanterweise konnte dazu ein Fernsehteam um den deutschen ARD-Journalisten Jürgen Hinzpeter einen wichtigen Beitrag leisten. Über Japan schmuggelte es Bildmaterial aus Gwangju und konnte so die breite Bevölkerung nachträglich über die tatsächlichen Geschehnisse informieren. Trotzdem: Was genau geschah, als Koreaner auf Koreaner schossen und wer dabei im Recht war, ist selbst heute nicht ausreichend aufgearbeitet. So formuliert auch die Figur des Dong-Ho im Buch diese Ambivalenz:

„Warum singt man die Nationalhymne für Menschen, die von Soldaten getötet worden sind? Warum werden sie in Nationalflaggen eingehüllt? Es ist doch genau dieser Staat, der sie getötet hat.“

(Menschenwerk, S. 17)

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Der Junge, der nie ankommt

Die Handlung setzt 1980 zur Zeit der autonomen Verwaltung Gwangjus ein, also zwischen den ersten Aufeinandertreffen von Soldaten mit den Bürgerinnen und Bürgern und der Zerschlagung des Aufstands. Jedes Kapitel in „Menschenwerk“ erzählt von einem anderen Schicksal während und nach dem Aufstand und der Einfluss des Schülers Dong-Ho zieht sich als roter Faden durch alle Leben.

Seine Geschichte wird auch im ersten Kapitel des Buches ausgeführt; unbequem nah durch die Ansprache in der zweiten Person Singular. Zudem erzählt uns der Originaltitel des Buches „소년이 온다“ („Der Junge kommt“) von einem Jungen im Prozess des Ankommens und etabliert so Dong-Ho als zentrale Identifikationsfigur und Bindeglied zwischen den Geschichten der anderen Kapitel. Der geschickt gewählte deutsche Titel, „Menschenwerk“, übersetzt von Ki-Hyang Lee, suggeriert andererseits, dass sowohl Dong-Ho als auch die Diktatur, die ihn tötet, menschlich sind. „Gwangju war […] zu einem Synonym geworden für alles, was der Staat sich gewaltsam aneignete, zerstörte oder missbrauchte.“ (S. 206), heißt es im Epilog der fiktiven Autorin. Folglich hilft eine Identifikation mit dem Charakter Dong-Ho zu erkennen, dass seine Geschichte beispielhaft für viele ähnliche in Gwangju, Korea und auf der ganzen Welt sein kann. Han Kang formuliert diese Gedanken bei ihrer Nobelpreis-Rede treffend:

„Kann die Vergangenheit der Gegenwart helfen?

Können die Toten die Lebenden retten?“

(Nobelpreis-Rede, S. 6)

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„Wie schaffe ich es zu vergessen?“

„Es ist an der Zeit, die sechste Ohrfeige zu vergessen, aber sie spürt keinen Schmerz mehr. Ihre Wange ist verheilt. Deswegen muss sie die siebte Ohrfeige am darauffolgenden Tag nicht mehr vergessen. Der Tag des Vergessens wird nicht kommen.“

(Menschenwerk, S. 99)

Die Grausamkeiten des Aufstandes und der Gefangenschaft danach, aber auch das Weitermachen mit dem normalen Leben, das Überleben, werden erzählt. Das übermächtige Gefühl der Schuld, Freunde in jenen Tagen verloren zu haben und selbst weitermachen zu müssen, erzählt die Autorin in leisen Tönen so einfühlsam, dass es beim Lesen mit erheblicher emotionaler Kraft trifft. Kleine Dinge wie eine flüchtige Übelkeit oder der Ärger über einen Springbrunnen, die Eun-Suk beklagt, würden ohne Kontext wahrscheinlich als Nebensächlichkeiten des Alltags wahrgenommen werden, entfalten im Rahmen der Erzählung jedoch fast genau so starke Herzschmerzen, wie von der Seele (im Original 혼) eines unter einem Stapel von Leichen liegenden Jungen zu hören.

Han Kang ist bekannt dafür, ihren Lesenden außerhalb ihrer Komfortzonen zu begegnen. Auch „Menschenwerk“ ist nicht lediglich eine sentimentale Erinnerung an ein dunkles Kapitel der koreanischen Geschichte, sondern eine brutale Konfrontation mit dem Spektrum der menschlichen Natur. Ihre Sprache, die selbst die ungeheuerliche Macht eines Alltagsgegenstandes wie eines Kugelschreibers dem Lesenden so eindrücklich zu vermitteln weiß, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft, webt eine Erzählung von physischer und psychischer Gewalt, die nachhallt. So ist es ein Werk, das unaufhörlich fragt, wozu wir fähig sind – selbstlos unser Leben zu riskieren um Fremden zu helfen, aber auch sie zu traumatisieren, zu foltern und zu töten. Man möchte fast kalenderspruchartig hinzufügen: Es kommt auf uns an, welchen Weg wir gehen wollen.

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Quellen

Han, Kang: „Die Sprache ist der Faden, der uns einander nahe bringt“: Han Kangs Nobelpreisrede. 12.03.2025. https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/im-gespraech/han-kangs-nobelpreisrede.

Han, Kang: Menschenwerk. Übersetzt von Ki-Hyang Lee, 6. Auflage, Berlin 2025.

Kim, Han: The commemoration of the Gwangju Uprising: of the remnants in the nation states‘ historical memory, In: Inter-Asia Cultural Studies 12 (2011), Nr. 4, S. 611-621. https://doi.org/10.1080/14649373.2011.603923.

Pak, Yumi: From Gwangju to Brixton. The Impossible Translation of Han Kang’s Human Acts. In: Lateral 9 (2020), Nr. 2. https://www.jstor.org/stable/48671558.