1. Sie haben an der LMU München Sinologie und Wirtschaft studiert und später in Tallinn einen Master in International Relations and European-Asian Studies absolviert. Wie kam es 2016 zu Ihrem Auslandssemester in Südkorea, und was hat Ihr Interesse an dem Land geweckt?  

Meine erste Begegnung mit Koreanern hatte ich noch zu Schulzeiten, als ich einige Monate in China zum Sprachunterricht war. An meiner dortigen Schule waren auch Schüler aus Korea. Am ersten Tag nach meiner Ankunft luden sie mich gleich zum Abendessen ein. Es gab eine Art Suppe mit Meeresfrüchten, was damals äußerst exotisch und interessant für mich war. Meine Mitschüler haben mir auch die ersten koreanischen Sätze beigebracht. Dadurch habe ich mich schon recht früh für Korea interessiert. 
Währen des Studiums in München habe ich Koreanisch als Wahlfach genommen. Die Universität in Tallinn hatte eine Partnerschaft mit der Kyungbook Universität in Daegu, diese Möglichkeit konnte ich mir nicht entgehen lassen. Zumal meine damalige Freundin und heutige Ehefrau aus Busan kommt und man mit dem Zug nicht lange dorthin unterwegs ist. An den Wochenenden haben wir oft Ausflüge in andere Städte und nach Jeju gemacht, so habe ich auch den Rest des Landes recht gut kennengelernt.  

  1. Was waren Ihre ersten Eindrücke von Südkorea – sowohl kulturell als auch persönlich? Und inwiefern haben diese Eindrücke Ihre spätere Entscheidung beeinflusst, in Südkorea unternehmerisch aktiv zu werden?  

Von Anfang an war ich überrascht, mit was für einem Tempo die Koreaner an die Arbeit gehen. Das betrifft unsere Mitarbeiter, Handwerker und sogar die Beamten in der Stadtverwaltung. Wenn man ein Unternehmen führt, macht es einen großen Unterschied, ob man Probleme sofort lösen kann oder erstmal ein paar Tage oder sogar Wochen auf die Antwort einer Behörde oder den Elektriker warten muss. Ich selbst versuche mich der hiesigen Arbeitsgeschwindigkeit anzupassen, meiner Frau bin ich aber trotzdem noch viel zu langsam.  

Eine weitere Sache, mit der ich so nicht gerechnet hatte, war die Direktheit der Menschen. Privat als auch geschäftlich redet man hier nicht lange um den heißen Brei. Mit Kritik hält man sich nicht zurück, sondern spricht die Dinge direkt an. Das hat uns vor allem in der Anfangsphase sehr geholfen, unsere Arbeitsweise zu optimieren und Fehler schnell zu beheben.    

  1. Während in Korea vor allem leichte Biere wie Cass oder Hite mit Reis gebraut werden, beschränkt man sich in Deutschland traditionell auf Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. Welche Auswirkungen hat dieser Unterschied in den verwendeten Zutaten auf die Produktion deutschen Biers in Südkorea?  

Viele große Brauereien in Korea produzieren sehr leichte, schlanke Biere. Sie arbeiten häufig mit Reis, Enzymen und neutralen Hefen, um möglichst wenig Malzgeschmack und Süße, dafür aber eine hohe „Drinkability“ zu erzielen.
Wenn man so wie wir nach dem Reinheitsgebot braut, hat man bereits andere Voraussetzungen bei der Auswahl der Rohstoffe. Zudem ist unser Ziel nicht, ein möglichst neutrales Bier herzustellen, sondern die vorhandenen Zutaten so zu kombinieren, dass ihre Aromen stilgerecht und deutlich wahrnehmbar zum Ausdruck kommen. 

Für uns wäre es preislich und auch was den Brauprozess betrifft tatsächlich einfacher, mit Zusatzstoffen zu arbeiten, um Zeit und Kosten zu sparen. Als kleine Handwerksbrauerei stehen für uns jedoch nicht die Produktionskosten, sondern Geschmack, Authentizität und Qualität an erster Stelle. Deshalb produzieren wir unser Bier hier auf dieselbe Art und Weise, wie wir es auch in Deutschland tun würden.   

  1. Versuchen Sie, das klassische deutsche Bier authentisch in Südkorea zu etablieren, oder passen Sie Geschmack und Stil teilweise an den lokalen Markt an? Welche Auswirkungen hat dieser Unterschied auf Ihre Marke – insbesondere auf die Akzeptanz und Vermarktung bei koreanischen Konsument:innen?  

Wenn wir klassische deutsche Bierstile wie Helles oder Weißbier brauen, unterscheidet sich unsere Produktionsweise nicht von einer Brauerei in Deutschland. Wir verwenden importiertes Malz und deutschen Hopfen und arbeiten mit denselben Verfahren, die auch in Deutschland üblich sind. Ich braue unsere Biere so, dass sie meiner Familie genauso schmecken würden wie zuhause – und unsere koreanische Kundschaft schätzt genau diese Authentizität. Viele unserer Gäste waren im Urlaub oder während des Studiums in Deutschland und vermissen das Bier, das sie dort getrunken haben. Andere probieren bei uns zum ersten Mal ein wirklich traditionelles deutsches Bier vom Fass und sind froh, dass sie hier in Busan die Möglichkeit dazu haben. 
Wir haben also das Glück, dass wir uns nicht anpassen oder verbiegen müssen, um akzeptiert zu werden. Ganz im Gegenteil ist die Tatsache, dass wir deutsche Biere authentisch brauen unser größter Vorteil und Alleinstellungsmerkmal.

  1. Ihre Familie betrieb einst eine Brauerei, die im 20. Jahrhundert aufgegeben wurde. Was hat Sie dazu bewegt, viele Jahre später den Mut zu fassen und in Südkorea eine neue Brauerei von Grund auf aufzubauen?  

Meine erste Erfahrung mit koreanischem Craft-Bier habe ich 2016 während meines Auslandssemesters gemacht. Es gab schon eine beachtliche Anzahl an kleinen Brauereien in Korea, jedoch waren die meisten Biere IPAs oder Stouts. Deutsche Bierstile suchte man oft vergeblich. 
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon etwas Erfahrung im Brauen gesammelt und zusammen mit meiner Frau dachten wir uns, dass man diese Lücke im koreanischen Craft-Bier-Markt schließen sollte. Es wäre zwar auch schön gewesen, die Brauerei an ihrem ursprünglichen Ort in Mühldorf wiederzueröffnen, aber Renovierung und Instandsetzung des Gebäudes und der alten Brauanlage wären um ein vielfaches teurer gewesen als hier komplett neu anzufangen.

  1. Sie haben offen darüber gesprochen, dass Sie zu Beginn keinerlei Vorerfahrungen im Brauwesen hatten. Wie haben Sie sich zu Beginn das nötige Know-how im Brauwesen angeeignet? Was hat Sie in dieser Situation motiviert? 

Es stimmt nicht, dass ich keine Erfahrung im Brauwesen hatte. Ich habe mir mein Wissen aber nicht auf konventionellem Wege angeeignet. Anstatt Lehre oder Studium zu absolvieren habe ich zusammen mit einem ehemaligen Mitarbeiter unserer Brauerei in Mühldorf gebraut. Er selbst ist Braumeister und begann seine Lehre bei meinem Urgroßvater. Heute betreibt er noch das Bräustüberl der Turmbrauerei Mühldorf und verkauft sein eigenes Weißbier. Von ihm habe ich unglaublich viel gelernt, sowohl über das Brauen an sich als auch über die Geschichte von Turmbräu. 
Zusätzlich habe ich in einer (für deutsche Verhältnisse) kleinen Brauerei nicht weit von Mühldorf mitgearbeitet, um mehr praktische Erfahrung zu sammeln. 
Die theoretischen Grundlagen habe ich mir parallel dazu durch entsprechende Fachliteratur und Gespräche mit befreundeten Brauern angeeignet. 
Rückblickend hätte ich mich wohl für ein Studium der Brau- und Getränketechnologie in Weihenstephan entschieden. Vielleicht wird daraus noch was, wenn ich in Rente bin….

  1. Welche Herausforderungen ergeben sich daraus, ein traditionell deutsches Produkt in einem Markt zu positionieren, der von anderen Geschmacksprofilen geprägt ist? In Südkorea ist Somaek sehr beliebt. Berücksichtigen Sie dieses Konsumverhalten bei der Entwicklung Ihres Biers? Wird das Produkt eventuell so abgestimmt, dass es sich gut für Mixgetränke eignet? 

Wie bereits erwähnt haben wir den Vorteil, dass deutsches Bier in Korea einen guten Ruf genießt und von vielen Kunden aktiv nachgefragt wird. Gleichzeitig müssen wir aber auch häufig viel erklären und Missverständnisse aus dem Weg räumen. Zum Beispiel, dass Lagerbier nicht automatisch mit Billigbier gleichzusetzen ist, sondern ebenfalls hochwertig hergestellt werden kann. 
Obwohl ich selbst mit Freunden gelegentlich Somaek trinke, empfehle ich unseren Gästen ihr Turmbräu Bier ohne Soju zu genießen. Schließlich bin ich selbst davon überzeugt, dass der Geschmack so wie er aus dem Fass bzw. der Dose kommt gut ist und man sich bei geringerem Alkoholgehalt ohne schlechtes Gewissen noch ein zweites Bier genehmigen kann.  

Grundsätzlich stört es mich aber nicht, wenn die Leute unser Bier so trinken, wie es ihnen am besten schmeckt. Wenn jemand es dazu mischen möchte, ist das völlig in Ordnung. Schließlich trinkt man in Deutschland ja auch Radler und andere Mischgetränke. Wir stimmen unsere Biere jedoch nicht extra darauf ab. 

  1. Welche beruflichen Ziele verfolgen Sie in naher Zukunft? Was ist bereits konkret in Planung, und worauf dürfen wir in den kommenden Monaten oder Jahren gespannt sein?  

Derzeit versuchen wir hauptsächlich, uns im lokalen Markt stärker zu etablieren. Obwohl unser Bier bereits landesweit verkauft wird, würden wir uns freuen, wenn wir als lokale Brauerei auch in Busan und Umgebung stärker vertreten wären. Im Vergleich zur Einwohnerzahl ist die Nachfrage nach Craft Bier hier jedoch noch nicht sehr hoch, das wollen wir ändern. Einerseits suchen wir dafür nach Abnehmern für unser Fass- und Dosenbier und andererseits überlegen wir an welchen Orten in Busan wir vielleicht weitere Turmbräu Restaurants oder Bars eröffnen könnten.  

  1. Könnten Sie sich vorstellen, Ihr Bier künftig auch in Deutschland zu vermarkten oder mit deutschen Unternehmen zusammenarbeiten? Wäre es für Sie denkbar, Ihr Produkt als kulturelle Brücke zwischen Deutschland und Südkorea zu verstehen, gewissermaßen als verbindendes Element zwischen beiden Nationen? 

Auf längere Sicht träume ich schon davon, Turmbräu Bier von Korea in die Heimat zu exportieren. Derzeit sieht es nicht danach aus, dass die alte Brauerei in Mühldorf bald wieder zum Leben erweckt wird.  Deshalb wäre es schön, wenn wir zumindest auf diesem Wege wieder Turmbräu Bier nach Mühldorf bringen könnten. Ein paar Interessenten hätten wir, die muss ich aber noch etwas vertrösten.  

Hier in Korea kann ich mir ohne die Beschränkungen des Reinheitsgebots vorstellen, auch mal ein Bier mit lokalen Zutaten zu brauen. Es gibt hier einige Gewächse und Kräuter, die man in Deutschland eher nicht kennt. Manche davon haben wirklich interessante Aromen, bei denen ich mir durchaus vorstellen kann, dass man damit leckeres Bier brauen kann. Ich möchte da jetzt noch nichts verraten, aber ein paar Kandidaten habe ich schon auf meiner Liste. Das wäre ein schönes Projekt, um deutsche und koreanische Tradition zu vereinen.  

  1. Welche Ratschläge würden Sie jungen Menschen mitgeben, die in Südkorea ein eigenes Unternehmen im Bereich Lebensmittelkonsum aufbauen möchten? Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Herausforderungen, aber auch Chancen bei einem solchen Vorhaben?  

Generell sollte man sich in der Lebensmittelbranche sehr genau überlegen, ob man die Menschen hier wirklich vom eigenen Produkt überzeugen kann. Die geschmacklichen Vorlieben unterscheiden sich teilweise deutlich von denen in Deutschland, und Trends sind in Korea extrem schnelllebig. Für mich ist es häufig schwer nachvollziehbar, warum bestimmte Produkte oder Gerichte plötzlich sprichwörtlich in aller Munde sind während Restaurants mit hervorragender Qualität nach wenigen Monaten wieder schließen müssen. 

Gleichzeitig liegt genau darin auch eine große Chance: Wenn ein Produkt gut ankommt, kann es sich hier sehr schnell etablieren. Entscheidend ist, offen für Feedback zu bleiben und zu sehen, was bei der Kundschaft ankommt und was nicht. Oftmals führt das dazu, dass ausländische Gerichte an den koreanischen Geschmack angepasst werden. Wir haben bisher jedoch gute Erfahrungen mit einigen deutschen Klassikern gemacht, ohne dabei Abstriche bei der Authentizität zu machen. Dieser Ansatz hat sich bewährt und daran wollen wir auch in Zukunft festhalten.  

Korea ist sicherlich kein leichtes Pflaster, was das Essen betrifft, aber wenn man gute Ideen, Entschlossenheit und einen langen Atem hat kann man auf jeden Fall was erreichen.