Projekt Beschreibung

Die Fragen stellte Paul Schönewald, Arbeitsgruppe „10 Fragen an” des Netzwerks Junge Generation Deutschland-Korea

 

  1. Welche Ziele verfolgt die Auslandshandelskammer Korea (AHK Korea) und worin bestehen Ihre Aufgaben als Geschäftsführerin?

Die AHK Korea ist Teil der Außenwirtschaftsförderung der Bundesrepublik Deutschland durch das AHK-Netz. Das AHK-Netz besteht insgesamt aus 140 Kammerbüros in 92 Ländern. Ich leite seit 2014 die AHK Korea. Unsere Kammer hat drei Kernaufgaben: Zum einen vertreten wir die Interessen der deutschen Wirtschaft in Korea, zum anderen sind wir eine Mitgliederorganisation mit 500 Mitgliedsfirmen in Korea und Deutschland. Darüber hinaus unterstützen wir Markteinstieg und -expansion von Firmen in Korea mit einem großen Dienstleistungsportfolio. Dieses umfasst Marktstudien, Aufbau von Distributionskanälen, Geschäftspartnersuche, Personalvermittlung, Beantragung von Lizenzen, Ausbildung, Delegationsreisen, Investorenwerbung, Unterstützung in der Coronapandemie und vieles mehr.

 

  1. Südkorea zählt zu den stärksten Wirtschaftsnationen der Welt. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Die Erfolgsgeschichte Südkorea ist wirklich bewundernswert. Korea hat sich binnen 70 Jahren nach dem Koreakrieg (1950-1953) zu einem G-20 Mitgliedsstaat und zur zwölftgrößten Volkswirtschaft der Welt (2019) hochgearbeitet. Es ist damit die viertgrößte Volkswirtschaft in Asien und der drittstärkste Exportmarkt in der für Deutschland sehr wichtigen Region Asien.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Gründe für diesen Ausnahmeerfolg: Korea im Aufbau seiner Nation sehr strategisch vorgegangen. Es hat, am Beispiel Deutschlands orientiert, strategisch starke Industrien aufgebaut (Stahl, Automobil, Schiffsbau etc.), die viele hochwertige Arbeitsplätze geschaffen haben. Häufig hat Korea Best Practices von anderen Ländern übernommen und diese dann in eine eigene, weiterentwickelte koreanische Variante überführt. Und es hat immer sehr auf Bildung gesetzt und investiert bis heute viel darin.

Korea als Land, aber auch seine Menschen, sind darüber hinaus sehr wettbewerbsorientiert. Korea setzt sich bis heute sehr ambitionierte Ziele und verfolgt diese mit extremer Energie, häufig mit Projekten, bei denen Staat und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten.

Dann ist es im Wirtschaftsbereich sehr wandlungsfähig gewesen, hat immer neue Technologien verfolgt und somit auch immer neue, erfolgversprechende Richtungen eingeschlagen. Der Großkonzern Samsung zum Beispiel, der einst mit dem Handel von getrocknetem Fisch begann, ist heute mit seinen 300.000 Mitarbeitern unter anderem Elektronikriese und verantwortet eine der weltweit größten Halbleiterproduktionen. Die SK Gruppe hat begonnen als Textilhersteller und ist heute unter anderem ein riesiger Telekommunikationsanbieter, Chemie- und Halbleiterproduzent sowie Hersteller von Batterien für Elektromobilität.

 

  1. Deutschland und Korea blicken auf eine lange wirtschaftliche Zusammenarbeit zurück. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diese Beziehung?

Der Ursprung der deutsch-koreanischen Wirtschaftsbeziehungen geht auf das Jahr 1883 zurück, als das erste bilaterale Abkommen geschlossen wurde. Die Neuzeit scheint mir aber prägender gewesen zu sein. Deutschland und Korea teilen die Erfahrung eines sehr zerstörerischen Krieges und eines harten, aber erfolgreichen Wiederaufbaus sowie das Leid eines geteilten Landes. Darüber hinaus hat die Entsendung von Koreanern als Bergarbeiter und Krankenschwestern nach Deutschland in den 60er und 70er Jahren auch sehr viele emotionale Verbindungen geschaffen. Dieser Hintergrund sowie die Bewunderung der deutschen wirtschaftlichen und politischen Erfolge – wie die Ostpolitik Willi Brandts, die deutsche Wiedervereinigung unter Helmut Kohl sowie die Agenda 2010 unter Gerhard Schröder – sind weitere wichtige Elemente. 2011 wurde dann das Freihandelsabkommen zwischen Korea und der EU geschlossen, das den Handelsbeziehungen gerade mit Deutschland einen weiteren großen Schub gegeben hat.

Wirtschaftlich sind Deutschland und Korea auch über lange Jahre sehr kompatibel gewesen. Deutsche Technologien und Innovationen sind sehr stark in koreanischen Produkten verankert und sind Teil des globalen Erfolgs von Korea Inc. Heute entwickelt sich Korea stärker im digitalen Bereich weiter und ist Deutschland an vielen Stellen in der Transformation in neue Industrien voraus.

 

  1. Trotz der guten Beziehungen und des konstanten Austausches. Gibt es Ihrer Meinung nach Missstände hinsichtlich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit? Wenn ja, gibt es bereits Initiativen um diesen entgegenzuwirken?

Wie gesagt, sind koreanische Menschen und Firmen sehr kompetitiv. Das Freihandelsabkommen 2011 hat zu einem starken Anstieg deutscher Exporte nach Korea geführt, denen zu Beginn nicht in gleichem Maße koreanische Exporte nach Deutschland gegenüberstanden. Das hat zumindest gefühlt zu Missstimmungen geführt. Aus Sicht vieler ausländischer Investoren ist Korea Meister im Aufbau von „Korea-only“ nicht-tarifären Handelshemmnissen, die den Einstieg in den koreanischen Markt unnötig verteuern, verzögern oder erschweren – ein Faktum, der einen kleinen Markt mit 50 Mio. Einwohnern wie Korea nicht attraktiver macht.

Darüber hinaus gibt es vor dem Hintergrund eines andersartigen Rechtssystems und eines interkulturell andersartigen Umgangs mit Firmen immer wieder Schwierigkeiten, weil sich ausländische Firmen für administrative Fehler, die nach deutschem Recht den Status einer Ordnungswidrigkeit hätten, schnell in einem strafrechtlichen Verfahren wiederfinden. Ausländische Firmenchefs in Korea empfinden das Risiko, „täglich mit einem Bein im Gefängnis“ zu stehen. Das ist kein gutes Gefühl und hat bei den ausländischen Investoren Sand ins Getriebe gestreut.

Ungeachtet dessen gibt es sehr viele Themenfelder, bei den Deutschland und Korea eng und gut zusammenarbeiten. Vielfach verstehen sie sich auch als Wertepartner. Kooperationsfelder sind unter anderem die Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und Korea, die 2019 geschlossen wurde, oder auch eine Zusammenarbeit zur Normierung in der Industrie, um das Thema Industrie 4.0 weiterzubefördern. Auf der Firmenebene gibt es darüber hinaus großartige Kooperationen, um Megathemen wie Wasserstoff, Elektromobilität oder andere voranzutreiben.

 

  1. Die COVID-19 Pandemie stellt alle Nationen vor große Aufgaben. Wo bestehen Ihrer Meinung nach Unterschiede zwischen Südkorea und Deutschland im Umgang mit eben diesen?

Korea gehört zu den Ländern, die die Pandemie bis dato mit am Besten bewältigt hat. Bis dato lag die höchste Neuinfektionszahl bei 1300 (im Dezember 2020), heute um die 400-500 täglichen Neuinfektionen. Als Halbinsel mit geschlossener Grenze zu Nordkorea ist Südkorea natürlich in einer anderen Ausgangslage als Deutschland mit neun Nachbarländern, alles Schengenstaaten, die eine offene Grenze miteinander teilen.

Dennoch sehe ich größere Unterschiede im Umgang mit der Pandemie. Korea hat aufgrund seiner Erfahrungen mit SARS und MERS Coronamaßnahmen sehr generalstabsmäßig und ohne Zeitverzögerung eingeführt. Menschen in Korea (und Asien insgesamt) sind damit vertraut Masken zu tragen, weil sie das auch bei Luftverschmutzung tun. Daher gab es keine Diskussionen über das Recht, keine Maske tragen zu müssen. Korea hat darüber hinaus innovative Wege gefunden, schnelle und mobile Coronatest zu ermöglichen, wie einen „Drive Through“ oder auch die Nutzung eines mobilen Containers mit eingebauter Schutzkleidung, so dass das Personal nicht ständig die Schutzkleidung wechseln muss.

Ein ganz wichtiger Faktor ist, dass Korea bei offenen Grenzen alle Einreisenden testen und, wenn keine Quarantänebefreiung besteht, für 14 Tage eine Quarantäne machen lässt, entweder in designierten Hotels oder Wohnheimen. Die Kosten der Quarantäne trägt der Einreisende. Diese Einreiseprozedur ist zwar für Reisende lästig, aber sie hält importierte Coronafälle fern bzw. fängt sie schnell auf. Für Geschäftsreisende und andere als essenziell definierte Gruppen kann eine Quarantänebefreiung beantragt werden.

Die Abläufe bei der Einreise sind von A-Z durchorganisiert. Zusätzliches Personal hat man sich u.a. vom Militär geholt und junge Rekruten am Flughafen eingesetzt. Alle Personen, die sich in Quarantäne begeben, bekommen am Flughafen eine App aufgespielt, damit sie zweimal täglich ihre Temperatur eingeben und etwaige Symptome mitteilen können.

Aus meiner Sicht ist diese Maßnahme bei der Einreise einer der zentralen Gründe, warum Korea sich nie in einen Lockdown begeben musste, sondern mit Social Distancing und anderen Maßnahmen die Pandemie unter Kontrolle behalten hat. An den Binnengrenzen wäre es für Deutschland schwer das zu tun (Schengen), aber an allen Flughäfen wäre das eine Möglichkeit.

 

  1. Seit 2019 werden seitens der südkoreanischen Regierung Milliarden in StartUps investiert. Ziel ist es Großkonzerne zu entmachten und den Mittelstand zu stärken. Wie bewerten Sie die Erfolgsaussichten dieser Maßnahme?

Von Entmachten von Großkonzernen kann nicht die Rede sein. Wenn ein Konzern wie Samsung etwa 80 Einzelfirmen unter sich vereint und die Exporte ein Viertel der Gesamtexporte Koreas ausmachen, dann wäre eine Entmachtung oder Zerschlagung sehr schlecht für die koreanische Volkswirtschaft. Aber es sicherlich klar zu sagen, dass das Machtverhältnis zwischen den koreanischen Großkonzernen und SMEs oder Startups nicht ausgewogen ist und es daher Veränderungen bedarf.

Die langjährige Tradition, die der deutsche Mittelstand hat, ist mit dem Mittelstand in Korea nicht zu vergleichen, so dass der Aufbau eines gesunden Mittelstandes eine längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Hier fehlt es den mittelständischen Firmen meist an eigenen Technologien, Verhandlungsmacht, Zugriff auf qualifizierte Arbeitskräfte, Investitionen in Forschung und Entwicklung Auch eine Startup Kultur muss erst geschaffen werden, von einer Fehlerkultur bis hin zu englischen Sprachkenntnissen, um über Korea hinaus erfolgreich sein zu können.

Gleichzeitig muss man Wege finden, die überdimensionalen Konzernstrukturen zurückzubauen.

Korea ist aber auf dem Weg und gerade im Startup-Bereich ergeben sich spannende neu Kollaborationen zwischen deutschen und koreanischen Firmen.

 

  1. Mit der Regional Comprehensive Economic Partnership wurde Ende 2020 das größte Freihandelsabkommen der Welt ins Leben gerufen. Neben den ASEAN-Staaten, der Volksrepublik China, Japan und Neuseeland, ist auch Südkorea Teil der Freihandelszone. Welche Veränderungen bringt das Abkommen ihrer Auffassung nach für Südkorea mit sich? Welche möglichen Auswirkungen sehen Sie in Bezug auf die deutsch-koreanische Beziehung?

RCEP hat mit einem Paukenschlag deutlich gemacht, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Asiens ist. Es schafft den größten einheitlichen Handelsblock weltweit und ist darüber hinaus von den Inhalten sehr umfassend. Korea hatte bereits mit allen RCEP-Partnern außer Japan Handelsabkommen, entweder bilateral wie mit China oder multilateral wie mit ASEAN. Korea und Japan haben nun auch erstmals einen gegenseitig erleichterten Marktzutritt – etwas, was ihnen bilateral aufgrund der historischen Differenzen nicht gelungen wäre. Deutsche Firmen können auch von dem einheitlichen RCEP-Block profitieren, z.B. beim Sourcing in Asien, wenn sie nicht mehr mit verschiedenen Herkunftsbescheinigungen oder ähnlichem zu tun haben.

RCEP wird den innerasiatischen Handel und die Verflechtungen weiter vertiefen. Europa und auch Deutschland werden ihre Rolle in Bezug auf Asien und auch Korea neu definieren müssen, denn der Fokus auf Europa ist über die Jahre geringer geworden. Ein Freihandelsabkommen mit Europa gibt es schon. Also, whats next in den deutsch- oder europäisch-koreanischen Beziehungen?

 

  1. Die AHK-Korea bietet neuerdings eine „shared office“ Lösung für deutsche Unternehmen an. Können Sie das Konzept vorstellen und erklären wie es zu dieser Idee kam?

Wir bieten seit vielen Jahren in der AHK ein „German Office“ an, um es neuen deutschen Firmen am koreanischen Markt möglich zu machen, sich ohne großen Aufwand, Kosten, Mietverträge mit großem Key Money etc. an zentraler Stelle in Seoul niederzulassen. Darüber hinaus können die Firmen die Infrastruktur und die Unterstützung der AHK in Anspruch nehmen, die auf zwei Etagen darüber sitzt, um ihren Firmenaufbau weiter zu betreiben. Das ganze Portfolio Geschäftspartnersuche, Handling von Post oder Telefonaten, Personalsuche etc. steht dabei zur Verfügung.

Das Konzept haben wir vor einigen Jahren um eine „shared office“ Lösung erweitert. Hier mieten Firmen quasi nur einen Schreibtisch anstelle eines ganzen Büros, weil sie ohnehin viel Zeit bei Kunden verbringen, und nicht im Büro.

 

  1. Welche Möglichkeiten für junge Koreainteressierte bietet die AHK Korea an?

Da wir primär auf Firmen ausgerichtet sind, haben für junge Koreainteressierte nicht so viele Andockmöglichkeiten wie andere Institutionen, aber wir helfen häufig mit Informationen oder Kontakten weiter, nehmen an Umfragen für Bachelor- oder Masterarbeiten teil, stellen unsere Räumlichkeiten für Prüfungen zur Verfügung und bieten, wenn nicht gerade Corona-Pandemie herrscht, selbst Praktikantenplätze an. Auch schreiben wir offene Stellen bei Mitgliedsfirmen aus. Hier sind aber die Fach- und Koreanischkenntnisse wichtiger als die Deutschkenntnisse. Last but not least, die jungen Leute von heute sind die Business Leaders von morgen und dann sehen wir uns wieder.

 

  1. Was nehmen Sie persönlich aus Ihrer Zeit in Korea mit?

Nach acht Jahren und einem Monat in Korea werde ich im Frühjahr Korea verlassen. Ich nehme einen unglaublich reichen Schatz an Erfahrungen, schönen Begegnungen, interkulturellen Erfahrungen und Kontakten mit, wenn ich gehe. An meinem nächsten AHK-Standort in Ungarn ist Korea aktuell ein großer Investor, und ich hoffe, dass ich dort meine Korea-Kenntnisse und Kontakte mit in die Arbeit einfließen lassen kann, die sich natürlich mehr bilateral auf die deutsch-ungarische Wirtschaftsbeziehungen fokussiert. Wenn mir Korea fehlt, lege ich mir eine koreanische Gesichtsmaske auf, höre meine Lieblingssänger oder schaue ein K-Drama an. Korea wird mich weiter begleiten, und ich werde immer dankbar sein, dass ich über meine Arbeit die Chance hatte Korea kennen und lieben zu lernen.