In unserem neuesten „10 Fragen an“ Interview sprechen wir mit Dr. Clemens Treter, Leiter der Region Ost- und Zentralasien und des Goethe-Instituts Korea.
- Inwiefern Haben Sie in den vergangenen Jahren etwa durch popkulturelle Entwicklungen wie die sogenannte koreanische Welle bzw. Hallyu, Veränderungen im internationalen Interesse an kulturellem Austausch wahrgenommen? Wie wichtig erscheint Ihnen die Vermittlung deutscher Sprache und Kultur im asiatischen Raum?
Es ist offensichtlich, dass in Europa das Interesse an Korea stark gestiegen ist: die Zahl der Koreanistik-Studierenden ist gewachsen, Austauschsemester in Korea werden vermehrt genutzt, egal ob von deutschen oder z.B. französischen Student*innen. Junge Erwachsene versuchen in Korea Fuß zu fassen, etablieren sich als Influencer*innen, auch in der Kulturwelt, z.B. im Bereich der elektronischen Musik oder der bildenden Kunst ist die Neugier groß. Wie tief das Interesse und Verständnis dabei geht, ist im Einzelfall sicher schwer zu beurteilen – dass es den starken Wunsch gibt, etwas über Korea zu lernen, ist unbestreitbar. Das Interesse an Deutschland ist nach meiner Einschätzung in Korea stabil geblieben, der Wunsch dort zu studieren oder in Europa andere Lebensformen auszuprobieren ist immer noch da – und hier bildet das Goethe-Institut natürlich eine gute erste Anlaufstelle, um eine realistische Vorstellung von Deutschland zu erhalten, die Sprache zu lernen, Filme zu sehen oder ins Gespräch zu kommen. Die Situation ist in Asien von Land zu Land sehr unterschiedlich. Soweit ich das auf meiner Perspektive beurteilen in kann: in Japan ist z.B. das Interesse an Deutschland (oder anderen europäischen Ländern) deutlich weniger ausgeprägt, in der Mongolei oder in Zentralasien gibt es auch den Wunsch nach Arbeitsmigration, in China haben weiter viel Menschen ein solides Interesse am Studium in Deutschland.
- Welche Themen interessieren koreanische Partner heute besonders, wenn es um Deutschland geht? Hat sich das, seitdem Sie das Institut leiten, verändert?
Als ich im Herbst 2022 nach Seoul gekommen bin, begannen sich die Kontakte nach der Pandemie gerade wieder zu beleben. Wir sind hier sehr viel mit Partner*innen aus der Kulturszene im Austausch, und die haben häufig sehr genaue Vorstellungen, mit welchen Institutionen oder Künstler*innen in Deutschland sie treffen wollen. Es gibt immer noch diejenigen, die sich an den großen bekannten Namen der jüngeren Vergangenheit orientieren. Das Tanztheater Wuppertal (Pina Bausch) oder Wim Wenders sind und bleiben große Stars, aber auch Künstler*innen wie Hito Steyerl oder Tino Seghal stoßen auf großes Interesse. Das Nachdenken über KI, aber auch die Frage, wie sich Gemeinschaft jenseits starrer gesellschaftlicher Formen gestalten lässt, sind Themen, die in unserer Arbeit auf großes Interesse stoßen.
- Korea verfügt über eine sehr dynamische Kulturszene, die von traditionellen bis hin zu modernen Formaten reicht. Welche Besonderheiten der koreanischen Theater-, Opern- oder Ballettlandschaft sind Ihnen im Vergleich zu Deutschland besonders aufgefallen?
Erst einmal muss man hervorheben, wie viele hervorragend ausgebildete Musiker*innen, Tänzer*innen oder Sänger*innen es in Korea gibt. Besonders aufgefallen sind mir die Bemühungen, traditionelle Formate, in einen gegenwärtigen Kontext zu übersetzen – das gelingt nicht immer, es gibt hier leider auch ziemlich kitschige Ansätze, aber dann finden sich eben doch wieder spannende Beispiele wie z.B. IPKOASONs moderne Pansori Performance „The False Room“ im Rahmen des Seoul Performing Art Festivals 2024 oder die Tanzperformances der Ambiguous Dance Company, die traditionelle Elemente mit Hip-Hop und Techno verknüpfen. Die deutsche Theaterlandschaft ist von einem sehr gut entwickelten System von Stadt- und Staatstheatern geprägt, die über eigene Ensembles verfügen und unter ihren Intendant*innen einen jeweils ausgeprägten Stil entwickeln – hier arbeiten die meisten Gruppen flexibler und projektbasiert. Das kann auch sehr belebend sein.
- Sehen Sie wesentliche Veränderungen, aufgrund derer kulturelle Güter wie Kunst, Tanz, Ballett einen deutlichen Interessensrückgang erhalten? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für internationale Kulturinstitutionen wie das Goethe-Institut?
Grundsätzlich sehe ich diesen Rückgang nicht – gerade in Korea ist das Publikum (im Vergleich zu Deutschland) sehr jung und begeisterungsfähig. Und nach der Pandemie ist das Bedürfnis, an Veranstaltungen live vor Ort und analog teilzunehmen wieder deutlich gestiegen – die Theater und Museen sind voll. Natürlich gibt es die Konkurrenz durch digitale Medien – aber diese sind integraler Bestandteil unserer Arbeit, sei es über digitale Filmangebote „on demand“ oder die interaktive Nutzung sozialer Medien. Menschen miteinander in Kontakt zu bringen, über kulturelle Angebote Räume zu öffnen ist weiter eine unserer Kernaufgaben und -kompetenzen.
- Sie verantworten Kulturarbeit in einer Region, die geografisch weit gespannt ist. Ist Kulturarbeit heute noch an physische Präsenz gebunden, oder zunehmend transnational und digital denkbar? Welche Herausforderungen, aber auch Chancen entstehen, wenn kulturelle Vermittlung nicht ausschließlich vor Ort stattfinden kann?
Die physische Präsenz wird – gerade auch beim Austausch über kulturelle Grenzen hinweg – essenzieller Bestandteil unserer Arbeit bleiben. Das sieht man z.B. auch an unseren regionalen Projekten wie „Solitude“ (Solitude – Goethe-Institut), bei dem wir transnational einen Diskurs über Phänomene der Einsamkeit und des Alleinseins initiiert haben, bei dem die Begegnung vor Ort, sei es beim Kick-off in Seoul oder bei der dreitägigen Abschlussveranstaltung im HAU in Berlin die entscheidenden Akzente setzen konnte.
- Sie sind seit vielen Jahren für das Goethe Institut tätig und haben die Arbeit der Institution in vielen verschiedenen Ländern begleitet. Wenn Sie nun zurückdenken, was waren die Ereignisse, die besonders viel Eindruck hinterlassen haben?
Es ist nicht einfach aus nun über zwanzig Jahren an vier Standorten (2 x Peking, München, Taipei und Seoul) einzelne Ereignisse herauszuheben. Ein besonderer Moment war, als wir im November 2018 in Peking 30 Jahre Goethe-Institut Peking gefeiert haben und dabei nicht einfach eine schöne Jubiläumsveranstaltung organisiert haben, sondern ein kuratiertes an 30 Fragen für die Zukunft orientiertes 30-stündiges Programm (ja, durchgehend) veranstaltet haben. Am eindrücklichsten bleiben immer die Momente, in denen unsere Veranstaltungen, ganz gleich in wie großem oder kleinem Rahmen, Menschen auf besondere Weise berührt, Fragen aufgetan und Räume geöffnet haben.
- Ihr wissenschaftlicher und beruflicher Schwerpunkt lag viele Jahre auf China. Hat sich Ihr Blick auf die koreanisch-chinesischen Beziehungen verändert, seit Sie in Korea tätig sind und wenn ja, in welcher Hinsicht besonders?
Unbestreitbar ist der chinesische kulturelle Einfluss – ganz unabhängig von der aktuellen politischen Situation – in Ostasien spürbar, gleichzeitig haben aber auch die umgebenden Kulturen China beeinflusst – z.B. die nomadischen Kulturen der nord- und zentralasiatischen Steppen (selbst wenn man das in China sicher anders formulieren würde). In Korea ist diese intensive Auseinandersetzung mit diesen Einflüssen z.B. über bestimmte konfuzianische Traditionen sehr deutlich spürbar, verbindet sich dabei häufig jedoch mit der starken Selbstvergewisserung einer eigenständigen koreanischen Identität. Als Außenstehender kann man das etwas entspannter beobachten. So wird deutlich, dass kulturelle Identität immer im Wechsel, durch gegenseitige Bereicherung, Aneignung und Abwandlung entsteht, sich aber auch immer wieder verändert – das gilt für Ostasien wie für Europa.
- Sie haben sowohl in China als auch in Korea gearbeitet und dort kulturelle Kooperationen begleitet. Gibt es Projekte oder Begegnungen, die Ihnen besonders gezeigt haben, wie Kultur Brücken zwischen Menschen unterschiedlicher Hintergründe schlagen kann?
Das Goethe-Institut fördert immer wieder Koproduktionen, bei denen sich Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Hintergründen zusammenfinden und über bestimmte Themen, ästhetische Fragestellungen inhaltlich und formal austauschen – im Idealfall treffen sie dabei einen universellen, menschlichen Kern. Ein aktuelles Beispiel ist die von dem deutsch-koreanischen Autor Bonn Park verfasste Oper „The Third War“. Bonn Park verwandelt hier – durchaus von einem europäischen Hintergrund ausgehend – die aktuelle Welt- und Stimmungslage zusammen mit dem Komponisten Ben Roessler in eine Produktion, die sich direkt an Publikum in Korea richtet und dessen Emotionen ebenso anspricht, wie auch ironisch bricht.
- Sie sind einer der Mentoren, die das Mentoring Programm des NJGDK in den letzten Jahren begleitet haben. Mentoring ist ein gegenseitiger Lernprozess. Gab es etwas, das Sie von Ihren Mentees gelernt haben und das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Das Mentoren-Programm war für mich eine große Bereicherung, weil ich so einen größeren Einblick in die Gedankenwelt und die ganz praktischen Lebensfragen von Studentinnen heute bekommen habe. Wie kann ich ein gutes Praktikum finden? Worauf kommt es beim Studium mit Blick auf den weiteren Lebensweg an? Begeistert hat mich auch das Interesse und die Bereitschaft sich auf eine fremde Kultur einzulassen und ganz praktische Erfahrungen z.B. an einer koreanischen Universität im International Student Office zu sammeln.
- Wenn Sie auf Ihre internationale Laufbahn zurückblicken: Welche Fähigkeiten und Erfahrungen sollten junge Menschen heute mitbringen, die im Bereich Kultur, Bildung oder internationaler Zusammenarbeit arbeiten möchten? Welchen Rat würden Sie der jungen Generation mit auf den Weg geben?
Vielleicht ein bisschen altmodisch: auch im KI-Zeitalter, ist es nicht schlecht, etwas wirklich zu wissen, etwas selbst erlebt und durchdacht zu haben – gerade interkulturelle Erfahrungen lassen sich nicht simulieren. Ich bin mir der heutigen Schwierigkeiten und Herausforderungen bewusst, eine angemessene Tätigkeit zu finden, aber ebenso wie es sich lohnt, verschiedene Dinge in unterschiedlichen Branchen auszuprobieren, bleibt es wichtig, darauf zu hören, was einem wirklich am Herz liegt. Und: es ist okay, ein Mensch mit Ecken und ein paar Kanten zu sein. Humor, Zugewandtheit und nicht zuletzt, die Bereitschaft sich überraschen zu lassen und immer weiter lernen zu wollen, gehören auch dazu.