Projekt Beschreibung

Die Fragen stellte Paul Schönewald, Arbeitsgruppe externe Kommunikation des Netzwerks Junge Generation Deutschland-Korea

 

  1. Welche Ziele verfolgt der Korea-Verband e.V. und welche Rolle übernehmen Sie im Verband?

 

Der Korea Verband ist eine transnationale Plattform für alle, die sich zu gesellschaftspolitischen Fragen auf der koreanischen Halbinsel informieren und engagieren. Wir sind politisch und finanziell unabhängig und setzen uns für Demokratie und Menschenrechte in Ostasien ein. Wir arbeiten basisdemokratisch, gender- und generationenübergreifend. Unser Blick auf Geschichte und Zeitgeschehen ist stets kritisch und aus postkolonialer Perspektive.

Ich bin die Vorstandsvorsitzende des Korea Verbands und leite auch die Geschäftsführung.

 

  1. Mitte der 1970er Jahre verließen Sie Korea und kamen nach Deutschland. Wie kam es dazu und war es eine große Umstellung für Sie?

 

Mein Vater konnte als Redakteur bei englischsprachigen Zeitungen aufgrund der Zensur nicht frei schreiben. Da nahm meine Mutter das Anwerbeprogramm wahr und kam als Krankenschwester nach Stuttgart. Die erste Zeit war schwierig für mich, weil ich in Korea gerade die 9. Klasse abgeschlossen hatte und nicht mehr schulpflichtig war und mich zunächst keine Schule aufnehmen wollte. So kam ich in ein katholisches Internat in Ingolstadt. Nach drei Jahren wechselte ich nach Stuttgart. Überall fand ich schnell Freundinnen. Das half mir, unzählige rassistische und sexistische Vorurteile gegenüber den asiatisch aussehendenden Menschen in Deutschland durchzustehen.

 

  1. Ende September ließ der Korea-Verband e.V. in Moabit eine Statue in Gedenken an die sog. „Trostfrauen“, welche während des zweiten Weltkriegs durch das japanische Militär sexuell versklavt wurden, aufstellen. Aufgrund massiver Kritik seitens der japanischen Regierung, soll diese nun wieder entfernt werden. Wie bewerten Sie die Debatte? Was erhoffen Sie sich bezüglich des Umgangs mit der „Trostfrauen“-Thematik?

 

Inzwischen ist der Widerruf unserer Genehmigung zur Aufstellung der Statue zurückgezogen worden. Das haben wir durch öffentlichkeitswirksame Proteste, eine Klage auf Rechtsbeistand am Verwaltungsgericht und politische Überzeugungsarbeit auf verschiedenen Ebenen geschafft. Der Rückhalt aus dem Bezirk und aus der Zivilgesellschaft war auch enorm.

 

Wir empfanden es als skandalös, wie die Bezirksregierung sich für die geschichtsrevisionistische Agenda der japanischen Regierung einspannen ließ, dabei nie den Dialog mit uns suchte und somit die Kunst- und Meinungsfreiheit unter den Tisch kehrte.

 

Das Thema der „Trostfrauen“, insbesondere ihres eigenen Kampfes um die Anerkennung der an ihnen begangenen Verbrechen, ihres Muts für das Brechen des Schweigens dabei, hat Strahlkraft. Die Statue ehrt diese Frauen, bringt das Thema Gewalt an Frauen, ob in Konflikten oder im Frieden, in die Mitte der Gesellschaft, wie große Kunst das eben tut. Wir erhoffen uns ein stärkeres Echo und mehr Commitment in der Politik für dieses Thema.

 

  1. Der Korea Verband V. hat das „Sonmal-Sueo-Projekt“ für Gehörlose aus Süd- und Nordkorea ins Leben gerufen. Können Sie dieses kurz vorstellen und über die aktuellen Entwicklungen berichten?

 

Die Idee für Sonmal-Sueo-Projekt kam von dem Verein ZUSAMMEN Hamhung e.V. Robert Grund, der selbst gehörlos ist, hat den Kontakt zu Gehörlosen und Blinden in Nordkorea aufgebaut und vier Jahre lang (bis Oktober 2016) als ständige Vertretungsperson des WFD in Nordkorea gearbeitet. Bei der Begegnung zwischen süd- und nordkoreanischen Gehörlosen stellten wir fest, dass die Unterschiede der Koreanischen Gebärdensprache in Nord- und Südkorea sehr groß sind. ZUSAMMEN-Hamhung e.V. hat die Projektidee gemeinsam mit Hyemi Jo aus Südkorea entwickelt und ist damit auf uns zugekommen. Leider stockt das Projekt, weil derzeit keinerlei Kontakt zu Nordkorea möglich ist und wir keinen Nachschub an Informationen über Sonmal (Nordkoreanische Gebärdensprache) erhalten.

 

  1. Ende der 1970er Jahren kam es in Korea zu massiven Protesten gegen die damalige Regierung, diese endeten letztendlich im „Gwangju-Aufstand“. Wie haben Sie die damalige Demokratiebewegung in Ihrem Heimatland erlebt?

 

Durch die Unzufriedenheit meines Vaters war ich für das staatliche Unrecht sensibilisiert. Als die Yushin-Reform im Oktober 1972 durch Präsident Park Chung-Hee angekündigt und das Parlament aufgelöst wurde, kündigte meine Klassenlehrerin an – ich war in der vierten Klasse der Grundschule -, dass in Zukunft Klassensprecher*innen nicht mehr gewählt, sondern von ihr ernannt werden. Das sagte schon sehr viel über die damalige Atmosphäre aus, wie unser Schulalltag militarisiert und kontrolliert wurde. In der achten Klasse wurde unser Geschichtslehrer vors Gericht geführt, weil er im Unterricht gesagt hatte, dass in Nordkorea die Schulbänke durchaus besser als in Südkorea sein könnten. Die Schülerinnen mussten als Zeuginnen auftreten. Es war eine schreckliche Zeit voller Angst, als „Rot“ oder Spion identifiziert zu werden. Dennoch war ich 1978 noch zu jung, um bei den Protesten dabei zu sein. Eine meiner besten Schulfreundinnen wurde später Anfang der 1980er Jahre Aktivistin. Sie wurde verhaftet und gefoltert, weil sie mit einem Buch zum „Gwangju-Aufstand“ entdeckt wurde. Das verursachte Schuldgefühle in mir, da ich von Deutschland aus nichts unternehmen konnte und ein so sorgloses Leben hier führte.

 

  1. Wie denken Sie denn steht es um die weitere Entwicklung der demokratischen Zivilgesellschaft in Südkorea?

 

Südkorea stellt jetzt eines der spannendsten Länder der Welt dar, weil alles, was in dem Land jetzt passiert, unter seiner Postkolonialität betrachtet werden kann. Ich meine mit dem Präfix „Post“ nicht die zeitlich lineare Vorstellung „Nach dem Kolonialismus“, sondern den Prozess der Überwindung des Kolonialismus, wodurch etwas Neues entsteht. Ein gutes Beispiel dafür ist die Friedensstatue als Ergebnis und Symbol der erfolgreichsten Frauenbewegung in der Gegenwart. Die „Trostfrauen“-Bewegung konnte in Südkorea durch den Antikolonialismus breite Resonanz in der Gesellschaft finden. Vor 1991 war es verboten, öffentlich darüber zu sprechen. Die Männer empfanden das Thema als Schande der Nation. Die „Trostfrauen“ werden von der Gesellschaft geehrt und verwandelten sich von Opfer zu Aktivistinnen. Die entscheidende Transformation bei der „Trostfrauen“-Bewegung ist auch, dass sie nicht beim Anti-Japanismus geblieben ist, sondern den Weg zur eigenen Reflexion und zur Transnationalität gefunden hat, d.h., es werde auch Verbrechen von südkoreanischen Soldaten in Vietnam kritisiert. Das Brechen der Dichotomie zwischen Opfer- und Täternationen kann zur Entspannung führen. Deshalb besitzt die Friedensstatue eine solch starke Symbolkraft.

Die Geschlechtergleichheit macht die Gesellschaft demokratischer. Deshalb konnte auch die #meetoo Bewegung in Südkorea so stark werden. In Südkorea wird jetzt vieles offen kritisiert und diskutiert. Ich hoffe, dass sich dabei bald auch die Altershierarchie lockert. Ich glaube, dass sich die südkoreanische Zivilgesellschaft ihrer starken Kollektivität bewusst ist. Die starke kritische Haltung ihrer eigenen Gesellschaft gegenüber ist auch die Stärke der südkoreanischen Zivilgesellschaft.

 

  1. Das Treffen beider koreanischen Staatschefs im Jahr 2018 sendete starke internationale Signale. Betrachtet man die Geschehnisse der letzten zwei Jahre, scheinen die Annäherungsversuche nachzulassen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der koreanischen Halbinsel?

 

Nichts anderes als die Aufhebung der momentanen UN-Sanktionen und eine offene Grenze! Je stärker die Begegnungen und der Austausch, umso mehr wird diese Grenze marode werden.

 

  1. Wie kann der Korea-Verband e. V. junge Menschen unterstützen, die sich für die koreanische Halbinsel interessieren?

 

Unsere Organisation bietet Austauschprogramme und vielfältige Veranstaltungen an, mit denen wir neue Zugänge zu Korea eröffnen. Wir ermöglichen Begegnungen mit Aktivist*innen aus allen Generationen, hier wie dort. Das schärft Bewusstsein für den Wert von Demokratie, Frauenrechten und Menschenrechten, und vermittelt, wie für diese friedlich gekämpft werden kann.

 

Im Moment bauen wir auch unsere Dauerausstellung zu den „Trostfrauen“ um zu einem Museum. Wir haben die Ausstellung neu aufbereitet um damit besonders jüngere Menschen anzusprechen. Wir hoffen, dass wir dieses schon bald wieder für Besucher*innen öffnen können.

 

Darüber hinaus bieten wir die Möglichkeit für ein Praktikum bei uns an, was sicherlich für einige Studierende interessant sein dürfte.

 

  1. Sie wohnen in Berlin und sind regelmäßig in Seoul. Was gefällt Ihnen mehr an Berlin und was finden Sie besser an Seoul?

 

Als junge Frau fühlte ich mich in Südkorea nicht wohl, weil ich das Gefühl hatte, nicht respektiert zu werden, und auch die vielen Normen ständig zu verletzen, die ich nicht intuitiv beherrschte, weil ich in Deutschland sozialisiert wurde. Mit zunehmendem Alter fühle ich mich in beiden Gesellschaften wohler, weil ich nicht mehr nur als Frau abgefertigt werde. In Berlin, vor allem in Schöneberg, fühle ich mich am wohlsten, weil die Menschen hier sehr divers sind und respektvoll miteinander umgehen. Durch meine Kinder, die hier groß geworden sind, kenne ich sehr viele Menschen. Es ist nicht anonym, aber dennoch frei.

Früher habe ich Seoul sehr vermisst, wegen seiner mondänen Modernität und vor allem der Herzlichkeit der Menschen. Seit mein Vater verstorben ist, zieht mich meine Heimatstadt nicht mehr so stark an, aber das kann sich wieder ändern.

 

  1. Zum Abschluss würden wir noch gerne wissen, ob Sie uns den Namen Ihres koreanischen Lieblingsbuchs oder –films verraten könnten?

 

Mein Lieblingsbuch ist natürlich „Land“ von Pak Kyong-ni, welches ich mit Frau Prof. Dr. Helga Picht über zehn Jahre gemeinsam übersetzt hatte. Die ausgesprochen postmoderne Dichterin Kim Hyesoon finde ich auch großartig. Den Gedichtband „Frau im Wolkenschloss“ habe ich auch mitübersetzt. Beide Werke sind sehr konträr, aber beide Autorinnen verfügen über einen tiefen Einblick in die koreanische Gesellschaft.